Besuch in den Bergen

Flori und Professor Klecks erleben dieses Abenteuer gerade jetzt. Es ist noch nicht vorbei. Ihr könnt hier mitlesen oder auch im Blog, denn alle drei Tage geht es weiter. Viel Spaß!

1. Ein seltsamer Bote

Professor Klecks beugte sich über seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer. „Ich hatte sie doch hier“, murmelte er und schob die Sachen auf dem Tisch hin und her. „Wo kann sie nur sein?“

Flori, sein kleiner Helfer, stand neben dem Tisch und beobachtete ihn. Tante Klara, der kleine grüne Papagei, saß auf der Gardinenstange und beäugte das Ganze interessiert.

„Was suchen Sie denn, Professor?“, fragte Flori.

„Meine Lupe. Hast du sie gesehen?“

„Ja, ich hole sie.“ Er sauste in die Küche und kam kurz darauf mit der Lupe zurück.

„Danke“, sagte Professor Klecks. „Was hast du denn damit gemacht?“

„Ich habe einen Brotkrümel erforscht. Er lag auf dem Fußboden.“

„Und was hast du herausgefunden?“

„Noch nichts. Als ich durch die Lupe sah, kam eine Ameise und trug den Krümel weg.“

„Eine Ameise in unserer Küche? Das geht aber nicht.“ Professor Klecks richtete sich auf und wollte in die Küche gehen.

„Sie ist nicht mehr dort, Professor. Ich habe sie höflich hinausbegleitet.“ Flori hatte das Kehrblech und den kleinen Besen genommen, die Ameise mit dem Krümel aufgefegt und aus der Tür geschüttelt. „Ich glaube nicht, dass sie wiederkommt.“

„Dann ist es gut. Aber die Krümel sollten wir trotzdem erforschen. Ich schreibe es auf. Gib mir mal mein Notizbuch.“

Während der Professor schrieb, lauschte Flori. „Haben Sie das gehört, Professor? Es klopft!“

Professor Klecks hob den Kopf. „Was? Wo?“ Er horchte.

Tante Klara flog von der Gardinenstange und landete vor ihm auf dem Tisch. „Tock! Tock! Ping!“, machte sie und streckte die Flügel.

„Hast du geklopft?“, fragte Professor Klecks. Doch dann hörten sie das Geräusch wieder. Es kam aus der Küche.

„Hat die Ameise einen großen Bruder?“, fragte Flori.

Professor Klecks lachte und stand auf. „Gehen wir doch nachsehen.“

Das ‚Tock! Tock! Tock!‘ wiederholte sich. Es kam eindeutig vom Küchenfenster. Etwas saß auf dem Fensterbrett und klopfte an die Scheibe. Etwas Graues. Mit einem Schnabel. Tock! Tock! Tock!

„Ein Vogel!“, rief Flori. „Will er herein zu uns?“

„Es sieht so aus.“ Professor Klecks nickte. „Warte, ich mache das Fenster auf.“

„Gurruhuu“, machte die Taube und hüpfte herein. „Gurruhuu!“ Sie streckte ein Beinchen aus und sah Professor Klecks auffordernd an.

„Hallo, Taube!“, sagte Professor Klecks freundlich.

„Gurruhuu.“ Wieder streckte sie das Beinchen aus.

„Was hat sie denn?“, fragte Flori erstaunt. „Will sie uns etwas vortanzen?“

Professor Klecks beugte sich vor und sah genauer hin. „Nein, Flori, sie hat etwas an ihrem Fuß. Sieht aus wie ein Röhrchen.“

„Ist sie ein Postbote? Äh – ich meine – ist sie eine Brieftaube? Hat sie was dabei?“

„Mal nachsehen.“ Professor Klecks griff vorsichtig zu und löste das Band am Bein der Taube. „Es sieht aus wie eine Nachricht.“

„Ob die für uns ist?“, fragte Flori aufgeregt. „Wer schickt uns denn sowas?“

2. Eine Freundin schreibt

Professor Klecks nahm das winzige Papierröllchen vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger zog es auseinander.

„Es ist so klein geschrieben“, murmelte er dabei. „Ich kann es gar nicht lesen.“

Flori lief zum Schreibtisch und holte die Forscherbrille des Professors.

„Hier, bitte, geht es jetzt?“

Professor Klecks nickte. „Danke.“ Er setzte die Brille auf und las vor: „Lieb.Klecks.Einl.Feier.Geb.komm schn.DJP.“

Professor Klecks sah Flori verwundert an. „Was soll das denn heißen?“

Flori besah sich den Zettel und stellte fest: „Das Papier ist voll. Mehr passte nicht drauf.“

„Ja, stimmt. Also lesen wir mal langsam und ergänzen, was vielleicht fehlt. Manchmal hilft das.“

Professor Klecks holte tief Luft und las: „Lieb(er) (Professor) Klecks. Einl(ass) Feier(lichkeiten) Geb(äck) komm(en) schn(uppe). DJP“

„Das war wohl nicht richtig“, überlegte Flori. „Und wer ist DJP?“

„Oh, das weiß ich“, rief Professor Klecks. „Sie heißt Dr. Julia Prantz und ist eine alte Freundin von mir.“ Er rückte seine Brille zurecht. „Ich versuche es nochmal: Lieb(er) (Professor) Klecks. Einl(adung) Feier Geb(urtstag) komm schn(ell) DJP“

„Gurruhuu“, machte die Taube und schlug mit den Flügeln. „Gurruhuu!“

„Kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara und nickte mit dem Kopf.

„Ich glaube, das stimmt“, sagte Flori. „Die beiden meinen das auch.“

„Mir kommt es auch so vor“, bestätigte Professor Klecks, während er der Taube etwas Vogelfutter und Wasser hinstellte. „Aber ihr Geburtstag ist schon lange vorbei.“

„Vielleicht sollen wir uns deshalb so sehr beeilen. Ich darf doch mit?“

„Natürlich! Ich gehe doch nicht ohne dich irgendwohin. Hol deinen Rucksack. Wir nehmen das Wohnmobil.“

Als Flori mit dem gepackten Rucksack wieder in der Küche ankam, ging Professor Klecks dort murmelnd auf und ab. Tante Klara beäugte ihn besorgt vom Küchentisch aus.

„Was ist los, Professor?“, fragte Flori. „Soll ich Ihre Reisetasche holen?“

„Die steht schon bereit, Flori. Ich überlege, was Julia mag.“

„Warum? Wollen Sie für sie kochen?“

„Was? Nein! Aber ich muss ihr doch ein Geschenk mitbringen. Schließlich lädt sie uns zu ihrem Geburtstag ein.“ Er kratzte sich am Kinn und überlegte.

„Was hat sie denn gern?“, fragte Flori und wanderte neben Professor Klecks auf und ab.

„Hm, Blumen, Berge, Wald, sie liebt die Natur.“

„Und Tauben!“, rief Flori. „Wo wohnt sie denn?“

„In einem kleinen Haus am Waldrand, mit Garten und Tieren. Oh, ich weiß was! Ich schenke ihr meinen neuen Schal. Dann friert sie im Winter nicht, wenn sie hinaus geht, um ihre Tiere zu füttern.“

„Und ich male ihr unterwegs ein Bild“, beschloss Flori. Eilig packte er noch Papier und Buntstifte ein, während Professor Klecks um den neuen Schal eine große grüne Schleife band. „Fertig.“

„Komm, Taube“, rief Flori. „Du  auch, Tante Klara!“

Kurz darauf fuhren sie aus der Stadt in Richtung Berge.

3. Ein geheimnisvoller Gast

Sie kamen gut voran.

„Ist es weit bis zu… wo wir hinwollen?“, fragte Flori.

„Zu Julia, also zu Frau Dr. Prantz? Ja, schon ein ganzes Stück.“ Professor Klecks kratzte sich am Kinn.  „Vielleicht sollten wir uns für unterwegs etwas zum Essen kaufen.“

Flori sah in seinen Rucksack. „Nüsse und Vogelfutter habe ich eingepackt. Außerdem zwei Äpfel.“

„Sehr gut“, lobte Professor Klecks. „Aber ich stelle mir vor, wir machen irgendwo ein richtiges Picknick. Was meinst du dazu?“

Flori war begeistert. „Ich liebe Picknick! Wo kaufen wir was ein?““

„Im ‚Mond‘, gleich da vorne. Dort kriegen wir Brot, Käse, Wurst, also alles, was wir brauchen.“

Bei der Gaststätte ‚Zum Mond‘ bog Professor Klecks auf den Parkplatz.

„Ich male inzwischen das Bild“, erklärte Flori und packte seine Buntstifte aus. Also ging Professor Klecks allein in die Gaststube. Am Tisch neben der Tür saß ein Mann in einem dunklen Mantel mit einem Schlapphut auf dem Kopf. Professor Klecks grüßte freundlich, doch der Mann sagte kein Wort.

Friedrich, der Wirt, freute sich über den Besuch des Professors. „Wo wollt ihr denn dieses Mal hin? Oder ist das wieder geheim?“, fragte er.

„Nein, nein. Wir fahren zu Dr. Jup“, erklärte Professor Klecks. „Du kennst sie doch, oder?“

„Du meinst Dr. Julia Prantz? Klar kenne ich sie. Sie hat mich sogar eingeladen.“

„Uns auch. Dann sehen wir uns dort?“

„Leider nicht“, erwiderte Friedrich traurig. „Ich kann hier nicht weg, das Haus ist voller Gäste. Aber ihr könnt sie ganz herzlich von mir grüßen.“

Er packte die Einkäufe in einen Beutel und reichte ihn Professor Klecks. Der kaufte noch eine Flasche Wasser und eine Flasche Saft, dann verabschiedete er sich und ging. Der Mann neben der Tür war verschwunden.

Draußen stand Rufus, der Wachhund von Friedrich, und wedelte mit dem Schwanz. Professor Klecks kraulte ihm den Kopf, stellte den Beutel ins Wohnmobil und stieg ein.

„Flori, hast du einen dunkel gekleideten Mann gesehen?“, fragte Professor Klecks, als er losfuhr.

Flori sah erstaunt aus dem Fenster. „Nein! Wo denn? Ich habe gemalt.“ Er packte die Buntstifte wieder ein. „Das Bild ist aber noch nicht ganz fertig. Wer war denn der Mann?“

„Ach, nicht so wichtig“, brummte Professor Klecks. „Wahrscheinlich einfach ein Gast.“

„Kuckuck! Kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara aufgeregt und schlug mit den Flügeln. Doch weder Flori noch der Professor sahen den dunklen Schatten hinter einem Baum, der dem Wohnmobil nachschaute.

Professor Klecks bog auf die Straße und weiter ging die Fahrt.

In der Gaststube stand Friedrich und wischte über die Theke. Plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Ich Trottel!“, rief er und lief hinaus. „Er sagte doch, sie wollen zu Dr. Jup.“

Friedrich sah die Straße entlang. Das Wohnmobil verschwand gerade hinter einer Biegung. „Zu spät! Jetzt sind sie weg.“

Rufus stand vor ihm und sah ihn fragend an. „Wuff? Wuff?“

„Du hast gut bellen“, brummte Friedrich und tätschelte Rufus den Kopf. „Aber ich bin so blöd, dass es rauscht! Ich hätte ihnen doch sagen müssen, dass sie gar nicht zu Dr. Jup fahren können!“

4. Guten Appetit!

Das Wohnmobil fuhr inzwischen leicht bergauf.

„Wir sind in den Weidebergen“, stellte Professor Klecks fest. „Bald müssen wir abbiegen.“

Rechts und links von der Straße sah Flori sanfte Hügel mit grünen Wiesen. Kühe grasten dort oder lagen kauend im Schatten einiger Bäume.

„Professor, die Kühe fressen aber komisch.“

„Warum? Ich finde sie ganz normal.“ Professor Klecks fuhr an den Straßenrand und hielt an.

„Sehen Sie“, rief Flori und zeigte auf eine Kuh mit braunen Flecken. „Die wandert ganz langsam umher und reißt immer wieder Gras ab.“

„Ja, das machen Kühe so.“

„Aber die da unter dem Baum liegt rum und kaut.“

Professor Klecks nickte. „Auch das ist ganz normal für Kühe.“

„Aber Professor! Warum kauen die Kühe nicht sofort? Stopfen sie erst den ganzen Mund voll Gras und essen später? So macht es nämlich der Hamster von Herrn Güldenkerz.“

„Nein, nein.“ Professor Klecks schüttele den Kopf. „Kühe essen zweimal. Zuerst reißen sie Gras ab. Das kauen sie und schlucken es runter.“

„Ping!“, machte Tante Klara. Taube sah sie sehr erstaunt an. „Gurruhuuu?“

„Ja, wir wissen, du machst das auch so.“ Professor Klecks lachte. „Aber danach legt die Kuh sich bequem hin und kaut alles nochmal.“

„Sie holt es wieder hoch?“, fragte Flori ungläubig. „Das ist doch ekelig.“

Tante Klara schüttelte sich heftig, doch Professor Klecks winkte ab. „Aber nein, nicht für eine Kuh. Die liebt es und genießt ihre zweite Mahlzeit genauso wie ihre erste.“

„Wie soll das denn gehen? Schluckt die Kuh nur bis in ihren Hals? Nicht bis in den Bauch?“

„Doch, doch. Aber ihr Magen ist so gemacht, dass trotzdem alles lecker bleibt. Wir sollten uns das zu Hause mal genauer ansehen.“

„Wir gucken in eine Kuh?“, fragte Flori ungläubig. Er hatte mal eine Erbse aufgeschnitten und hineingesehen, aber bei einer Kuh konnte er sich das nicht vorstellen.

„Nein, natürlich nicht. Wir gucken in ein Buch. Das hat jemand geschrieben, der weiß, wie es in einer Kuh aussieht. Er hat auch ein Bild hineingedruckt.“

Professor Klecks fuhr weiter, doch Flori war noch nicht ganz überzeugt und schaute zurück über die Weide.

„Ich bin zum Glück keine Kuh“, überlegte er dabei. „Ich kaue doch lieber alles sofort richtig klein, bevor ich es runterschlucke.“

„Ja, Flori, und das sollst du auch. Gleich da vorne sehe ich einen schönen Platz für unser Picknick. Da können wir beide so lange kauen, wie es für uns lecker ist.“

„Und ich kann das Bild fertigmalen“, rief Flori.

Professor Klecks stellte den kleinen Tisch und zwei Stühle auf, während Flori das Essen auspackte. Tante Klara und Taube bekamen etwas Vogelfutter und ein paar Nüsse in einem Schälchen und Flori stellte noch etwas Wasser dazu.

Professor Klecks notierte in sein Notizbuch: ‚Kuh von innen anschauen‘ und Flori malte weiter an seinem Bild.

Knacks.

„Ach du Schreck!“, schimpfte Flori. „ So eine Sch…“ Professor Klecks sah in an. „… Scheußlichkeit“, ergänzte Flori.

„Was ist denn los?“

„Mein ‚Gelb‘ ist abgebrochen! Wie soll ich jetzt die Sonne malen?“

5. Im Winterholz

Flori betrachtete die Spitze seines gelben Buntstiftes.

„Hast du denn keinen Anspitzer dabei?“, fragte Professor Klecks.

Flori schüttelte den Kopf. „Hab ich vergessen.“ Er versuchte, mit dem Fingernagel etwas Holz von der Spitze wegzubrechen, doch das klappte nicht.

„So machst du den Stift nur kaputt“, gab Professor Klecks zu bedenken.

Flori überlegte. „Ein Anspitzer hat ein kleines Messer. Wenn ich den Stift in das Loch stecke und drehe, schneidet es Holz ab. Ah! Jetzt weiß ich was!“

Er griff nach seinem Rucksack und zog sein kleines Taschenmesser heraus. „Kann ich damit den Stift spitz schnitzen?“

Professor Klecks nickte. „Wenn du sehr vorsichtig bist. Das Messer bricht ihn leicht wieder ab. Soll ich dir dabei helfen?“

Gemeinsam schafften sie es, das ‚Gelb‘ wieder einsatzbereit zu machen. Flori malte die Sonne fertig und noch ein paar extra fröhliche Strahlen drum herum.

„Schönes Wetter auf deinem Bild“, stelle Professor Klecks fest. „Was ist das da?“ Er zeigte auf ein graues vierbeiniges Tier.

„Das ist ein Pferd. Ich hatte keinen richtigen schwarzen Stift, da habe ich grau genommen. Glauben Sie, das Bild gefällt dieser Frau Doktor?“

„Mir gefällt es auf jeden Fall. Ich denke, sie wird sich sehr freuen.“

Kurz darauf fuhren sie weiter. Ihr Weg führte jetzt zwischen Bäumen hindurch.

„Wie heißt der Wald?“, fragte Flori und sah sich neugierig um. „Hier sieht es eigenartig aus.“

„Wir sind im ‚Winterholz‘. Das heißt so, weil früher die Leute hier Holz zum Heizen und Kochen gesammelt haben.“

„Sie haben nur im Winter gekocht?“, fragte Flori erstaunt.

„Nein, nein, sie durften aber erst kurz vor dem Winter und im Winter Holz sammeln.“

„Warum?“

„Das Holz musste am Boden liegen und trocken genug sein. Sie durften es nicht abbrechen oder etwa einen der Bäume fällen. Die gehören nämlich dem Besitzer des Waldes.“

„Ist das da der Besitzer?“ Flori zeigte zwischen die Baumstämme. „Oder sammelt der nur Holz?“

„Wer denn? Ich sehe niemanden.“ Professor Klecks fuhr langsamer und spähte zwischen die Bäume.

„Oder gibt es hier vielleicht Räuber, Professor?“

„Aber Flori! Hier gibt es doch keine Räuber. Du hast dich verguckt.“

„Aber ich bin ganz sicher.“ Flori zeigte auf eine Stelle mit mehreren Buchen. „Genau da drüben.“

Professor Klecks fuhr noch langsamer und folgte mit den Augen Floris Finger. „Hm. Ich sehe niemanden, nur Bäume. War es vielleicht ein Reh?“

„Ein Reh mit Hut?“, rief Flori und verrenkte sich fast den Hals beim Zurückschauen.

„Na, wer weiß“, überlegte Professor Klecks und fuhr wieder schneller. „Wir kommen jedenfalls bald an den Wildbach. Der wird dir gefallen.“

„Kann ich da einen Fisch fangen?“, fragte Flori. „Wir könnten ihn…“

„ACHTUNG!“

Quiiieeetsch! Rums! Bumm!

Professor Klecks bremste, das Wohnmobil rutschte, drehte sich seitwärts, dann stand es still.

6. Was nun?

„Alles in Ordnung?“, fragte Professor Klecks.

„Kuckuck! Ping! Ping!“ „Gurr! Gurr! Gurruhuu! Tante Klara und Taube flatterten im Fußraum hinter den Sitzen. Flori saß auf seinem Platz, doch der Rucksack war zu Boden gepoltert.

„Ja, Professor. Wir haben nur einen Schreck gekriegt. Was war denn los?“

Professor Klecks schnaufte erleichtert. „Gott sei Dank! Nichts passiert!“ Er stelle den Motor ab und stieg aus. „Komm, Flori, schau dir das an.“

Flori folgte Professor Klecks ein paar Meter die Straße entlang mit Tante Klara auf der Schulter. Taube hatte sich auf das Dach des Wohnmobils gesetzt.

„Siehst du, Flori? Da fließt ein Wildbach direkt vor uns quer durch die Waldstraße.“

Flori schaute auf den Bach und dann auf die Straße.

„Aber Professor!“, rief er. „Der Weg geht da drüben auf der anderen Seite weiter.“

Ja, genau. Und wir wären beinahe da runter gefallen. Die Brücke ist fort!“

Professor Klecks ging vorsichtig hin und her und spähte über den Rand.

„Ist die Brücke eingestürzt? Sehen Sie was? Soll ich mal suchen?“

Flori wäre am liebsten zum Bach hinunter geklettert, doch Professor Klecks hielt ihn auf.

„Das nützt uns nichts, Flori. Selbst wenn wir die Brücke fänden, könnten wie sie nicht wieder aufbauen.“

„Und wie kommen wir dann da rüber?“, fragte Flori.

Tante Klara spreizte die Flügel und flatterte los. Auf der anderen Seite des Baches drehte sie eine Runde und kam zurück.

„Ja, du hast es leicht!“, rief Flori. „Aber wir sollten das vielleicht nicht versuchen.“

„Nein, wohl nicht.“ Professor Klecks musste lachen. „Aber wir sollten nachsehen, ob es andere Brücken oder Stege gibt. Du auch, Tante Klara.“

„Kuckuck! Ping! Kuckuck“, rief Tante Klara und flog den Bach entlang davon.

„Vielleicht kann Taube auch helfen.“ Flori drehte sich zum Wohnmobil um. „Weiß du, ob hier…“

Er sah Taube die Flügel ausbreiten und losflattern. Sie erhob sich über die Bäume und flog die Waldstraße entlang davon. Augenblicke später war sie nicht mehr zu sehen.

„Ist sie weggeflogen, Professor? Warum?“

„Taube kennt sich hier sicher aus. Sie fliegt wohl nach Hause“, antwortete Professor Klecks. „Und wir suchen jetzt eine Brücke.“

„Oh, waren wir dumm!“, rief Flori. „Taube gehört doch dieser Frau Doktor. Wir hätten ihr eine Nachricht schicken können.“

„Stimmt!“ Professor Klecks schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Aber jetzt ist es zu spät.“

Sie gingen vorsichtig am Steilufer entlang. Nach einer Weile wurde es flacher, doch eine Brücke war nicht zu sehen.“

„Ich glaube, wir kommen hier nicht weiter“, stellte Professor Klecks nach einiger Zeit fest. Lass uns zum Wohnmobil zurückgehen.“

„Vielleicht hat Tante Klara was gefunden“, überlegte Flori.

„Wer weiß“, brummte Professor Klecks. Flori sah ihn an. „Und wenn nicht? Was machen wir dann?“

7. Was wächst denn da?

Zurück beim Wohnmobil hielten sie Ausschau nach Tante Klara.

„Hoffentlich ist sie nicht zu weit weggeflogen“, überlegte Professor Klecks und spähte angestrengt den Bach entlang.

„Nein, jetzt sehe ich sie. Da drüben auf dem Ast!“, rief Flori. Er zeigte auf einen etwas entfernten Baum auf der anderen Seite des Baches. Professor Klecks versuchte, etwas zu erkennen.

„Ob sie das überhaupt ist? Bist du sicher?“ Er griff in den Mantel mit den vielen Taschen und setzte seine Forscherbrille auf. „Du hast Recht, Flori. Und ich glaube, sie will uns etwas zeigen. Gehen wir mal hin.“

„Ob sie eine Brücke gefunden hat?“ Flori lief los und Professor Klecks folgte ihm.

An der Stelle, wo Tante Klara auf sie wartete, lag ein dicker Baumstamm quer über dem Bach.

„Kuckuck! Kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara und wippte auf ihrem Ast.

„Sehr gut“, lobte Professor Klecks. „Du bist ein toller Vogel.“ Tante Klara nickte eifrig.

„Hier können wir rüber“, rief Flori und balancierte auf dem Stamm.

„Ja, aber dann müssen wir den Rest des Weges laufen“, überlegte Professor Klecks.

„Ist es denn noch weit?“

„Ein bisschen schon, aber das schaffen wir. Komm, wir müssen unser Gepäck holen.“

Flori nahm seinen Rucksack und hielt die Reisetasche, während Professor Klecks das Wohnmobil an den Rand der Waldstraße fuhr. Dann überquerten sie den Bach und gingen zu Fuß weiter.

Der Weg führte bergauf zwischen den Bäumen hindurch und wurde immer schmaler. Schließlich war er nur noch ein Pfad. Rechts und links im Wald wuchsen hohe Farnwedel und dazwischen stand hin und wieder ein  hübscher Pilz. Flori war etwas voraus gelaufen. Jetzt bückte er sich. Tante Klara auf seiner Schulter kam ins Schwanken und hielt sich mit dem Schnabel an seinem Kragen fest.

„Professor“, rief Flori, „kann man den hier essen?“

„Wie sieht er denn aus?“

„Er hat einen roten platten Kopf. Oben drauf sind weiße Punkte und der Stiel ist auch weiß. Hier drüben ist noch einer. Der ist aber etwas kleiner und runder.“

Professor Klecks hatte sich beeilt und schnaufte. „Das sind Fliegenpilze, Flori. Die sind giftig. Also nicht pflücken und schon gar nicht essen, Flori.“

„Warum heißen die so? Ich sehe da dran gar keine Fliegen.“

„Eine gute Frage, Flori. Ich mache eine Notiz, und wir lesen das zu Hause nach.“ Professor Klecks zog sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb hinein. Flori beugte sich tief hinunter versuchte, unter den flachen Pilzhut zu schauen.

„Kuckuck! Kräk! Ping! Ping! Kuckuck!”, schrie Tante Klara und flatterte auf den nächsten Ast.

„Oh, ich hatte vergessen, dass du da sitzt“, rief Flori. „Tut mir Leid, Tante Klara.“

„Kuckuck! Kuckuck! Ping! Kuckuck!“, beschwerte sie sich.

„Ja, ich passe das nächste Mal besser auf. Versprochen. Jetzt komm zurück, ja?“ Flori streckte den Arm aus.

„Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!“

Tante Klara blickte erstaunt hin und her. Flori sagte: „Aber ich wollte doch nicht, dass…“

„Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!“

„Pst. Hört doch!“, flüsterte Professor Klecks. „Das ist ein echter Kuckuck.“

Tante Klara streckte sich. „Kuckuck! Kuckuck! Ping!“ Dann flog sie los in den Wald.

„Kuckuck! Kuckuck! Ping!“

„Halt! Bleib hier!“, rief Flori erschrocken, doch sie war schon nicht mehr zu sehen.

„Sie ist weggeflogen, Professor.“ Professor Klecks bückte sich und legte einen Arm um Floris Schulter. „Glauben Sie, dass sie zurückkommt?“

8. Auf dem Waldweg

Professor Klecks schaute zwischen den Bäumen hindurch, wohin Tante Klara verschwunden war.

„Ganz bestimmt kommt sie zurück. Sie ist nur neugierig. Genau wie du.“

„Sie meinen, sie will erforschen, was ein Kuckuck ist?“

„Das kann doch sein? Vielleicht dachte sie bisher immer, das ist eine Uhr. Und nun findet sie einen im Wald. Da muss man doch nachschauen, oder?“

Flori nickte. „Das würde ich auch tun. Also ist Tante Klara ein Forscherpapagei.“

„Ja, tatsächlich, das ist sie.“ Professor Klecks lachte. „Also lass uns weiter gehen. Sie findet uns schon.“

Sie gingen weiter bergauf. Flori drehte sich immer wieder um und spähte zwischen die Bäume. Doch Tante Klara sah er nicht. Dafür aber entdeckte er ein Reh. Es stand zwischen zwei Eichen und schaute ihn an. Flori zupfte Professor Klecks am Ärmel und zeigte in die Richtung. Professor Klecks nickte. Auch er hatte das Reh gesehen.

In diesem Moment drehte das Reh den Kopf, stellte die Ohren auf – und sprang ihnen entgegen. Flori blieb erschrocken stehen, doch das Tier kümmerte sich nicht um sie. Es machte lange Sätze an ihnen vorbei und verschwand auf der anderen Seite des Weges wieder im Wald.

„Es hat Angst vor uns“, rief Flori. Professor Klecks kratzte sich am Kinn.

„Etwas muss es aufgeschreckt haben. Aber wir waren das nicht, sonst wäre es nicht zuerst hierher gesprungen.“

„Ist da noch jemand im Wald?“, fragte Flori. „Ich sehe nichts.“ Dabei schaute er zwischen den Bäumen hin und her.

„Ich auch nicht. Aber lass uns weiter gehen. Wir sind bald da.“

Etwas weiter entfernt hinter einem dichten Busch stand eine dunkle Gestalt. Doch die sahen beide nicht. Der Mann mit dem Schlapphut hob etwas vom Boden auf und schlich weiter zwischen den Bäumen voran.

Flori hatte inzwischen einen Buntspecht entdeckt. Tock! Tock! Tock! Tock! Tock! Tock! Tock! So schallte es immer wieder durch den Wald.

„Baut er sich ein Nest?“, fragte Flori.

„Entweder das, oder er sucht unter der Rinde nach Futter“, überlegte Professor Klecks.

Flori staunte. „Kriegt er bei dem Geklopfe nicht Kopfschmerzen?“

„Nein, dem Specht macht das nichts aus.“

„Aber dem da vielleicht.“ Flori zeigte auf einen kleinen Vogel mit einem roten Federfleck zwischen Schnabel und Bauch. „Dem ist das bestimmt zu laut.“

„Das ist ein Rotkehlchen“, erklärte Professor Klecks.

„Weiß ich“, sagte Flori. „Wir haben eins bei uns im Garten und bei Frau Hasemantel hab ich auch schon eins gesehen.“

Professor Klecks nickte. „Die zwitschern schön. Hör mal.“

„Ja, aber immer, wenn der Specht hämmert, hört es auf. Wahrscheinlich ist es sauer auf ihn. Meinen Sie, dass es hier ein Nest hat?“

„Schon möglich. Vielleicht könnten wir… – oh, schau!“ Professor Klecks zeigte nach vorn auf den Weg. „Da ist der Waldweg zu Ende. Und auf der Lichtung dahinten steht das Haus von Dr. Jup, ich meine, von Frau Doktor Prantz.“

In diesem Augenblick ertönte ein sonderbarer lauter Schrei. Flori zuckte zusammen.

„Was war das?“ flüsterte er. „Es klang wie ein großes altes Sturmgespenst!“

9. Am Ziel, oder?

Auch Professor Kleck war erschrocken, als er den Schrei hörte. Doch nun musste er lachen. „Ein großes altes Sturmgespenst? Wie klingt das denn?“

„Na, so, wie das, was wir eben gehört haben. Es war ganz grauenvoll!“ Flori stellte sich näher neben Professor Klecks. Dann fragte er: „Können Sie etwas erkennen, Professor?“

„Nein. Aber komm, wir sehen nach. Vielleicht braucht jemand Hilfe.“

Er fasste seine Reisetasche fester und ging in Richtung Haus weiter. Flori folgte ihm, nahm jedoch am Waldrand einen Stock mit. Nur so zur Sicherheit.

Es war ein kleines Häuschen, mit Fensterläden und Rosenbüschen. Es wirkte gemütlich und Flori stellte sich eine kleine rundliche Frau mit Gummistiefeln als Bewohnerin vor. Doch dann fiel ihm das gruselige Kreischen wieder ein und er fasste seinen Stock fester.

Der Weg bis zum Haus war nicht weit. Sie gingen über die Wiese, an einem schmalen Blumenbeet entlang und standen gleich danach vor der Haustür. Als Professor Klecks klopfte, wich Flori einen Schritt zurück. Aber nichts geschah.

„Keiner da, Professor.“

„Hm“, brummte Professor Klecks und klopfte noch einmal, dieses Mal etwas lauter. „Alles still hier. Woher kam dann vorhin dieses entsetzliche Geräusch?“

Flori sah sich genauer um und entdeckte Taube auf dem Dach.

„Da, Professor. Zumindest Taube ist hier.“

In diesem Moment ertönte wieder der schreckliche Schrei. Professor Klecks ließ seine Reisetasche fallen und Flori umklammerte seinen Stock.

„Gurruhuu! Gurruhuu!“, rief Taube, nickte eifrig und trippelte hin und her. Dann flog sie los, genau dahin, woher es geschrien hatte.

Professor Klecks und Flori sahen sich verwundert an. „Sie scheint keine Angst zu haben“, meinte Flori.

„Wir ja auch nicht, oder?“ Professor Klecks nahm seine Tasche wieder auf und folgte Taube langsam um das Haus herum.

„Natürlich nicht“, flüsterte Flori und schlich leise hinter ihm her.

Hinter dem Haus lag ein Hof, es gab einen Zaun, einen Apfelbaum und weiter hinten einen kleinen Garten. Auf der rechten Seite verdeckte ein alter Holzschuppen den Blick. An ihm gingen Professor Klecks und Flori entlang, dann schauten sie vorsichtig um die Ecke – und trauten ihren Augen nicht.

Da standen Gänse, Enten, Hühner, ein Pferd, eine Kuh, ein Hund, zwei Katzen, ein Schwein und eine Ziege. Alle waren ganz still und schauten in dieselbe Richtung – nämlich auf die Tür des Schuppens, um den Professor Klecks und Flori gerade geschlichen kamen.

„Was ist denn hier los?“, flüsterte Professor Klecks. Und Flori wisperte: „Sind sie alle verzaubert worden?“

Eine der Katzen wandte ihren Kopf, schaute Flori an und sah wieder zur Schuppentür. Dann entdeckte Flori Taube. Sie saß im Apfelbaum und nickte mit dem Kopf.

„Ich glaube, sie kann von da aus durch das Fenster gucken“, überlegte Flori.

„Das sollten wir auch tun“, raunte Professor Klecks. „Wenn einer Hilfe braucht, dann da drin.“

Er schlich vorwärts bis zum Schuppenfenster und spähte hindurch. Für Flori war das Fenster zu hoch.

„Sehen Sie was?“, flüsterte er aufgeregt. Er hatte das Gefühl, dass alle Tiere statt zur Tür nun zu ihm blickten und ihn anstarrten. „Was ist denn da drin?“

10. Bei Dr. Jup

Professor Klecks schaute noch immer durch das Schuppenfenster. Flori drehte sich um und suchte nach etwas, auf das er steigen konnte, um auch etwas zu sehen.

Da ertönte wieder der rätselhafte Schrei, dieses Mal ganz nah. Er kam eindeutig aus dem Schuppen. Flori hörte eine leise Stimme. Etwas raschelte und schnaubte. Professor Klecks sagte „Oh!“. Dann bückte er sich und hob Flori hoch bis an das Fenster.

Im Schuppen war es dämmerig. Etwas großes Graues stand in einem Strohhaufen, am Boden lag etwas Dunkles und daneben hockte jemand und sprach leise. Noch ehe Flori weiter nachdenken konnte, riss das Große sein Maul auf und schrie.

„Ihhhaaaahhh! Iiiiiiihhhhaaahhh!“

„Ein Esel!“, wisperte Flori und Professor Klecks nickte. Die Gestalt am Boden stand auf und jetzt versuchte auch das kleine Dunkle aufzustehen. Es stakste mit den Beinen umher, suchte das Gleichgewicht und stand schließlich sicher im Stroh.

„Alles gut, siehst du“, murmelte die Gestalt und ging langsam rückwärts bis zur Tür.

Als die Schuppentür aufging, stellte Professor Klecks Flori wieder auf den Boden. Die Gestalt kam heraus, winkte und rief: „Alles in Ordnung. Es ist gesund und munter. Und Brana geht es auch gut.“

Die Tiere im Hof schienen darauf gewartet zu haben, denn nun bewegten sie sich wieder. Einige liefen umher, andere kamen zu ihr, der Hund schnupperte an Flori und Taube flatterte auf das Schuppendach.

Professor Klecks stellte seine Reisetasche ab und streckte der Gestalt die Hand entgegen. „Hallo, Julia, wie geht es dir?“

„Oh, Klecks, da bist du ja“, rief die Frau. Professor Klecks räusperte sich und sie lächelte. „Ja, ich weiß, du magst es nicht, so genannt zu werden, entschuldige, Josef.“ Sie drückte ihm die Hand und schaute Flori an. „Hallo! Und wer bist du?“

„Ich bin Flori“, sagte Flori. Dabei reichte er ihr die rechte Hand, während er mit der linken den Hund hinter dem Ohr kraulte. Dann fragte er: „Hat der Esel geschrien? Tut ihm was weh?“

„Ja – ähm – nein – ich meine“, Dr. Jup lachte. „Brana ist eine Eselin, das war ihre normale Stimme und sie war erleichtert und froh, denn sie hat vor“, Dr. Jup sah auf ihre Armbanduhr, „etwa einer halben Stunde ein Fohlen bekommen. Wir sind alle sehr glücklich.“

„Es ist gerade erst geboren?“, fragte Flori aufgeregt. Am liebsten wäre er in den Schuppen gelaufen, doch wahrscheinlich wäre das Dr. Jup und dem Esel nicht recht. Also ließ er es sein.

„Ja, deshalb habe ich euch doch eingeladen. Und ihr seid rechtzeitig gekommen. Nun können wir gemeinsam die Geburt feiern. Das habe ich doch geschrieben.“

Professor Klecks und Flori sahen sich verdutzt an. „Geburt“, murmelten beide, „nicht Geburtstag!“

„Was ist?“, fragte Dr. Jup, aber dann winkte sie ab. „Kommt erst mal rein und dann erzählt ihr mir alles bei einer Tasse Kaffee – und einem Glas Saft.“

Dr. Jups Küche war klein, aber sehr gemütlich. Professor Klecks hatte sein Paket hervorgeholt und erklärte: „Wir dachten, du hättest deinen Geburtstag gemeint. Wir haben dir ein Geschenk mitgebracht. Hier.“ Er überreichte ihr den warmen Schal. „Damit du im Winter draußen nicht frierst.“

„Danke, das ist lieb von dir, Josef.“

Professor Klecks schmunzelte. „Du kannst ihn natürlich auch Brana umbinden.“

„Und ich habe Ihnen ein Bild gemalt“, rief Flori, während er Dr. Jup das Blatt übergab.

„Oh“, rief sie. „Du wusstest, dass ich einen Esel habe? Hier ist er, ganz grau und wunderschön.“

„Das war Zufall“, gestand Flori. „Ich hatte kein richtiges ‚Schwarz‘ mehr.

„Aber das passt doch wunderbar“, freute sich Dr. Jup. „Und was ist das kleine Grüne hier auf der Seite?“

„Das ist Tante Klara“, erklärte Flori und als Dr. Jup ihn verständnislos ansah, ergänzte Professor Klecks: „Tante Klara ist unser Papagei. Leider ist er auf dem Weg hierher in den Wald geflogen und noch nicht zurück.“

 „Sie wollte nur einen Kuckuck erforschen und war neugierig“, fuhr Flori fort.

Dr. Jup war verwundert. „Aber hier gibt es keinen Kuckuck. Ich habe noch nie einen gesehen.“

Flori sah Professor Klecks erschrocken an. „Wir haben ihn aber doch gehört, Professor. Ganz deutlich sogar. Wie ist das möglich? Und wo ist Tante Klara jetzt?“

11. Wo ist Tante Klara?

Die drei sahen sich an und überlegten gemeinsam. „Ob sie sich verirrt hat?“, fragte Flori besorgt.

Professor Klecks kratzte sich am Kinn. „Vielleicht sucht sie nach uns.“

„Aber hier drin kann sie euch nicht finden“, stellte Dr. Jup fest. „Wir müssen hinausgehen.“

Sie stand auf und zusammen gingen sie vor die Tür.

„Tante Klara!“, rief Flori. „Hier sind wir!“

„Wo ist sie denn weggeflogen?“, fragte Dr. Jup.

„Gar nicht so weit von hier. Am Weg gibt es Fliegenpilze. Und da rief auch der Kuckuck.“ Flori spähte zwischen die Bäume. „Vielleicht sollten wir nochmals da hingehen?“

Dr. Jup nickte. „Das machen wir. Komm mit, Igor. Wir gehen in den Wald.“

Der Hund kam herbei und schloss sich der kleinen Gruppe an. Zusammen marschierten sie über die Wiese zurück in den Wald. Immer wieder rief mal der eine, mal der andere, nach Tante Klara. Doch der Papagei blieb verschwunden.

Schließlich erreichten sie die Fliegenpilze.

„Genau hier war es, Dr. J… äh … Frau Dr. Prantz“, erklärte Flori und zeigte auf die Pilze.

„Gut. Aber Flori, bitte nenn mich einfach Dr. Jup. Das tun alle und es ist viel einfacher.“

Flori nickte erfreut. Dann zeigte er auf eine dicke Buche. „Dahin ist sie geflogen und dann war sie weg.“

Professor Klecks stieg vorsichtig über die Pilze. „Sehen wir mal nach. Vielleicht finden wir sie ja.“

Flori, Dr. Jup und Igor folgten ihm. Sie bahnten sich ihren Weg durch Unterholz, über Moos und Äste, Steine und umgestürzte Baumstämme. Manchmal raschelte es im Gebüsch. Dann bellte Igor und alle blieben stehen. Doch sie fanden nur entweder einen Vogel, einen Frosch oder eine Maus zwischen den Blättern.

„Hoffentlich ist ihr nichts passiert!“, überlegte Flori besorgt.

„Hallo! Tante Klara!“, rief Professor Klecks.

Dr. Jup zwitscherte wie ein Vogel und rief zwischendurch „Kuckuck, kuckuck!“, doch ohne Erfolg.

„Da!“, rief Flori einmal, doch es war nur ein Eichelhäher, der durch den Wald flog.

Neben einer Birke blieb Igor stehen. Er senkte den Kopf und schnupperte am Boden. Professor Klecks, Flori und Dr. Jup waren weiter gegangen. Doch als Igor abwechselnd leise knurrte und jaulte, wurden sie aufmerksam.

„Igor!“, rief Flori, „Hast du eine Spur gefunden?“

Professor Klecks schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein, Flori. Tante Klara läuft nicht am Boden und Igor weiß auch gar nicht, wie sie riecht.“

„Das stimmt.“ Dr. Jup. nickte. „Ein Hund kann nur eine Spur finden, wenn er weiß, wie das riecht, was er suchen soll.“

„Aber er läuft hin und her und will uns was zeigen!“ Flori bückte sich neben Igor und besah sich den Boden. „Sehen Sie, Professor! Hier war jemand. Er ist ausgerutscht.“

Tatsächlich sahen sie neben einer Baumwurzel abgetretenes Moos. Igor sprang aufgeregt im Kreis und bellte.

„Seltsam“, überlegte Dr. Jup. „Hier ist doch niemand außer uns und den Tieren. Wer ist denn hier gegangen?“

Plötzlich zeigte Flori auf den Boden. „Da, Professor“, wisperte er. „Da, eine grüner Feder…!“

12. Endlich eine Spur

Professor Klecks bückte sich und hob die Feder auf. „Tatsächlich“, murmelte er. „Die hat Tante Klara verloren.“

„Stimmt“, nickte Dr. Jup. „In diesem Wald gibt es sonst keine grünen Vögel.“

„Ob ihr was passiert ist?“, fragte Flori besorgt. „Hat vielleicht ein Fuchs…?“ Er wagte nicht, weiterzusprechen.

„Nein, Flori! Bestimmt nicht!“, beruhigte ihn Dr. Jup. „So eine einzelne kleine Feder verliert ein Vogel einfach beim Flattern.“

„Sie lag auf der Spur, die Igor gefunden hat. Vielleicht sollten wir ihr nachgehen?“, überlegte Professor Klecks.

„Das machen wir!“ Dr. Jup zeigte auf die Stelle am Boden und rief: „Igor, such!“

„Wuff, wuff!“ Igor schnupperte noch einmal ausgiebig, dann lief er los, die Nase dicht am Boden.

Es ging über Stock und Stein, zwischen Büschen und Bäumen hindurch, immer ohne Weg bergauf.

„Wo will er denn hin?“, keuchte Dr. Jup.

„Vielleicht zu dir?“, überlegte Professor Klecks und blieb stehen. „Wartet, ich muss einen Augenblick verschnaufen.“

Dr. Jup hielt ebenfalls an und sah sich um. „Zu mir will er nicht. An meinem Haus sind wir schon vorbei.“ Mit einem Taschentuch wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.

Flori rief: „Halt, Igor! Warte auf uns!“ Dann fragte er: „Dr. Jup, wer wohnt denn noch hier oben?“

„Niemand“, überlegte Dr. Jup. „Ich kenne jedenfalls keinen. Höchstens … hm … aber das kann nicht sein.“

„Was denn?“, frage Flori und streichelte Igor, der ihn immer wieder anstupste und weiterlaufen wollte. Dr. Jup zog eine Hundeleine aus der Tasche und hakte sie an Igors Halsband fest.

„Besser, er läuft nicht so weit vor“, erklärte sie.

„Ja“, nickte Professor Klecks. „Aber was meintest du eben?“

„Fast ganz oben auf dem Berg gibt es eine Ruine. Da war mal eine Burg, ist aber schon lange her.“

„Und da drin wohnt einer?“, fragte Flori ungläubig. „Ruinen haben doch kein Dach. Was macht er, wenn es regnet?“

„Ich sagte ja, das kann nicht sein“, antwortete Dr. Jup.

„Trotzdem sollten wir vielleicht mal nachsehen.“ Professor Klecks hob einen Stock vom Boden auf, um sich darauf zu stützen. „So. Mit Wanderstab geht es leichter. Wollen wir weiter?“

Auch Flori suchte sich einen Stock, doch nicht, um sich darauf zu stützen. „Wer weiß, was wir da finden“, murmelte er. „Wenn einer Tante Klara was tut, kann er was erleben.“

Igor lief wieder voran und alle drei folgen ihm, so schnell es ging. Nach einer Weile endete der Wald an einer Bergwiese. Unter den letzten Bäumen blieben sie stehen und sahen sich um. Ein kleiner Bach floss im Gras. Die Spur führte daran entlang und hier war deutlich zu sehen, wo jemand gelaufen war. Igor wollte weiter, doch Dr. Jup hielt ihn fest.

„Seht ihr“, flüsterte sie, obwohl das gar nicht nötig war. „Da hinten stehen Reste von Steinmauern. Das ist die Ruine.“

„Sieht verlassen aus“, murmelte Professor Klecks.

„Wir müssen hinschleichen“, erklärte Flori. „Vielleicht ist doch einer drin.“

Dr. Jup sah zum Himmel. „Es wird bald dunkel, Flori. Wir müssen das verschieben. Es hilft uns nicht, ohne Licht da reinzustolpern. Besser, wir kommen morgen wieder.“

„Aber Tante Klara braucht vielleicht…“

„Julia hat Recht“, entschied Professor Klecks. „Gleich morgen früh kommen wir zurück.“

Zögernd stimmte Flori zu. Zu gerne wäre er sofort zur Ruine gelaufen, aber er sah ein, dass das nicht ging. Sie machten sich auf den Rückweg. Zwischen den ersten Bäumen sah Flori sich noch einmal um und erschrak.

„Da, Professor, da!“, wisperte er. „Zwischen den alten Steinen brennt ein Licht!“

13. Ist da jemand?

Professor Klecks blieb stehen und sah sich um. „Was? Wo denn? Ich sehe nichts.“

„Bist du ganz sicher, Flori?“, fragte Dr. Jup.

„Ja, ganz sicher!“ Aber auch Flori konnte jetzt kein Licht mehr sehen. „Es war auf der rechten Seite am Rand von der Mauer.“

„Gut, das merken wir uns“, erklärte Professor Klecks. „Und morgen kommen wir ganz früh wieder her und sehen nach.“

Am nächsten Morgen standen alle schon früh auf. Dr. Jup konnte jedoch nicht sofort losgehen. Sie musste zuerst ihre Tiere versorgen und nach dem neuen Eselchen sehen. Flori wäre gern dabei gewesen, doch solange Tante Klara irgendwo allein wartete, hatte er keine Ruhe dazu.

„Geht ihr schon voraus“, schlug Dr. Jup vor. „Ich komme nach, sobald ich hier fertig bin. Bei den Tieren kannst du mir auch morgen helfen, Flori.“

Also schulterte Flori seinen Rucksack und er und Professor Klecks machten sich zunächst allein auf den Weg zur Ruine. Doch kaum waren sie unter den ersten Bäumen verschwunden, hörten sie „Gurruhuuu! Gurruhuuu!“ Taube war ihnen gefolgt und landete nun auf Floris Rucksack.

„Willst du suchen helfen?“, fragte Professor Klecks lächelnd.

„Klar will sie“, rief Flori. „Tante Klara ist doch ihre Reisegefährtin. Und Taube ist doch eine Reisetaube.“

„Eine Brieftaube“, erwiderte Professor Klecks.

„Ja, aber die reisen doch. Wie sollen sie sonst von hier nach da kommen?“

„Stimmt, Flori. Und wenn sie mit uns gehen will, dann soll sie das tun.“

„Gurruhuuu! Gurruhuuu!“, machte Taube und nickte eifrig.

Zusammen überquerten sie die Bergwiese und näherten sich langsam der Ruine. Die schien vollkommen verlassen.

„Rechts war das Licht“, murmelte Flori und beobachtete beim Laufen besonders die Mauer auf der rechten Seite.

Professor Klecks zog aus dem Mantel mit den vielen Taschen seine Forscherbrille hervor. „Vielleicht sehe ich damit etwas“, brummte er und setzte sie auf.

„Und?“, fragte Flori gespannt. „Können Sie…“

BAUTZ!

„Oh, Professor!“, rief Flori und bückte sich, um Professor Klecks aufzuhelfen. „Was ist passiert?“

„Ach du grüne Neue! So was aber auch!“, schimpfte der und stand auf. „Ich bin über diesen sch… schönen Maulwurfshügel gestolpert.“

„Dabei hat dem Maulwurf niemand erlaubt, hier zu hügeln – äh – zu bauen“, stellte Flori fest, während er Gras und Lehm von dem Mantel mit den vielen Taschen abklopfte.

Taube war erschrocken hochgeflattert und landete nun wieder auf Floris Rucksack.

Professor Klecks nahm die Forscherbrille ab und steckte sie ein. „Komm, Flori. Wir beeilen uns jetzt. Falls sich wirklich jemand dort versteckt, hat er uns vielleicht noch nicht bemerkt.“

Flori nickte und beide liefen los. Taube flog voraus, denn der Rucksack schaukelte ihr doch zu sehr. Auf dem ersten Mauerrest landete sie und wartete.

Professor Klecks und Flori erreichten kurz darauf keuchend die Mauer. Einen Moment blieben sie stehen, um zu verschnaufen. Dann wandten sie sich nach rechts und gingen langsam an den Steinen entlang bis zu einer Lücke.

Vorsichtig lugten sie um die Ecke, doch nichts als Gras und Steine und ein paar Büsche waren zu sehen.

„Niemand hier“, wisperte Flori, „aber das Licht kam von noch weiter rechts.“

Sie schlichen durch die Maueröffnung und erschraken furchtbar, als Flori – KNACKS! – auf einen Stock trat. Etwas raschelte und dann knirschten ein paar Steinchen.

„Da geht doch jemand“, flüsterte Professor Klecks. „Hallo?“

Und Flori fragte leise: „Ist da jemand?“

14. Ein unheimlicher Fremder

Professor Klecks und Flori blieben stehen und lauschten.

„Hallo?“ sagte Flori jetzt etwas lauter, doch niemand antwortete. Taube kam herbeigeflattert und landete auf einem niedrigen Mauerrest direkt vor Flori.

„Gurruhuu! Gurruhuuu! Gu! Gu! Ruhuu!“ Sie trippelte hin und her, nickte und gurrte immer wieder.

„Sie hat etwas gesehen“, vermutete Professor Klecks. „Gehen wir weiter.“

„Ich gucke mal von oben“, schlug Flori vor. „Wenn Taube da was sieht, kann ich das auch.“

Er stellte den Rucksack ab, stieg auf ein paar Steine und kletterte bis zum Rand der Mauer.

„Und, siehst du etwas?“, fragte Professor Klecks gespannt.

„Noch mehr Mauern“, antwortete Flori. „Vielleicht kann ich …“

Plötzlich ertönte eine strenge Stimme. „Was macht ihr da?“

Flori wäre vor Schreck beinahe von der Mauer gefallen. Jetzt stieg er schnell runter und nahm seinen Rucksack. Professor Klecks hatte sich umgedreht. Vor ihm stand ein Mann, kleiner als er, in einem dunklen Mantel gehüllt, mit einem Schlapphut auf dem Kopf und ärgerlich funkelnden Augen.

„Also?! Was macht ihr hier?“, fragte er nochmal.

„Wir haben unseren Papagei verloren.“ „Und wir glauben, dass er vielleicht hier irgendwo ist.“ „Wir haben uns nur mal umgesehen.“ Flori und Professor Klecks sprachen abwechselnd. „Haben Sie ihn eventuell gesehen?“ „Er ist klein und grün.“

„Nein, habe ich nicht!“ erwiderte der Mann unfreundlich. „Hier gibt es überhaupt keine Vögel.“

„Gurruhuuu! Gurruhuuu!“, machte Taube und  schaukelte hin und her. Der Dunkle sah Taube an und schwieg einen Moment. Dann brummte er: „Keine anderen Vögel. Ihr geht jetzt besser.“

„Wir wollten uns nur ein wenig umsehen“, warf Professor Klecks ein. „Vielleicht ist unser…“

„Nein! Hier gibt es nichts zu sehen. Geht weg!“, rief der Fremde drohend.

„Komm, Flori“, sagte Professor Klecks. „Es ist besser, wir gehen.“

„Komm Taube!“, rief Flori.

Sie verließen die Ruine und gingen über die Bergwiese zurück bis zum Wald. Doch unter den ersten Bäumen blieben sie stehen.

„Und wenn Tante Klara doch dort ist?“, überlegte Flori.

„Der Mann hat gesagt, es gibt dort keine Vögel“, erwiderte Professor Klecks.

„Aber Professor! Ich habe gesehen, dass er Vogelfutter auf dem Mantel hatte. Und eine kleine Feder war auch dran.“

„Du meinst, er hat uns belogen?“

Flori nickte eifrig. „Wir müssen nochmal dort nachsehen.“

„Wenn er da wohnt und uns nicht dort haben will, können wir nicht einfach reinplatzen.“

„Aber das Vogelfutter…?“

„Falls Tante Klara bei ihm ist und er sie füttert, ist sie nicht in Gefahr.“

„Aber er darf sie nicht behalten!“, rief Flori aufgeregt. „Sie ist unser Papagei! Sie wäre bestimmt schon zu uns gekommen, wenn sie könnte. Glauben Sie dass sie krank ist?“

Professor Klecks schüttelte den Kopf. „Vielleicht ist es auch gar nicht Tante Klara.“

„Oder sie ist es und sitzt sie in einem Käfig. Wir müssen da wieder hin.“

„Erst müssen wir mehr über diesen Mann erfahren. Vielleicht kennt Dr. Jup ihn.“

Plötzlich hörten sie Schritte hinter sich.

15. Der Mann mit dem Schlapphut

„Wo müsst ihr hin und wen kenne ich?“, fragte Dr. Jup. Sie kam zusammen mit Igor aus dem Wald.

„Zur Ruine“, antwortete Flori. „Tante Klara ist dort, aber wir können nicht rein.“

„Was? Wieso?“, fragte Dr. Jup erstaunt.

„Da wohnt einer drin!“, rief Flori. „Und der will nicht, dass wir reingehen. Aber wir müssen rein!“

„Wieso wohnt da einer? Was meint ihr damit?“

Professor Klecks räusperte sich energisch und fragte: „Kennst du einen kleinen Mann mit einem dunklen Mantel und Schlapphut?“ Er erzählte die Begegnung und Flori ergänzte aufgeregt: „Er darf sie nicht behalten. Wir müssen sie zurückholen.“

Dr. Jupp schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht. Da wohnt doch keiner. Da hat noch nie einer gewohnt, seit ich hier bin.“

„Jetzt ist aber einer da“, rief Flori.

„Am besten ist es wohl, wir gehen noch mal hin und sehen nach“, erklärte Dr. Jup. „Kommt mit. Du auch, Igor. Und bleib schön bei mir.“

Taube flatterte voraus und saß bald wieder auf einer der Mauern.

Die Wiese war schnell überquert. Dieses Mal hielten sie sich nicht auf, sondern kletterten sofort zwischen den Mauerresten hindurch in den Innenhof.

„Hallo!“, rief Dr. Jup laut.

„Wuff! Wuff!“

„Ruhig, Igor. Wir wollen doch niemanden erschrecken!“

„Hallo!“, rief jetzt auch Flori. Sie lauschten.

„Wo sind Sie? Ich bin Professor Klecks! Wir wollen mit Ihnen reden!“

Plötzlich wandte Igor den Kopf und starrte auf eine Lücke in der Mauer.

„Er hat etwas gehört – oder gerochen“, murmelte Dr. Jup. Alle drei blickten gespannt in dieselbe Richtung wie Igor. Dann knirschte ein Steinchen und eine Stimme rief: „Haltet den Hund fest!“

Dr. Jup nahm Igor an die Leine. „Kommen Sie doch heraus. Wer sind Sie?“

Um die Mauerecke herum erschien der kleine Mann mit dem Schlapphut. „Was wollt ihr? Geht weg!“

„Wir wollen unseren Papagei!“, rief Flori. „Sie haben doch Vögel. Wir haben das Vogelfutter gesehen!“

„Das geht euch gar nichts an! Aber meinetwegen. Ich habe einen Vogel hier. Einen … Wellensittich.“

„Wohnen Sie tatsächlich hier in diesen alten Mauern?“, fragte Dr. Jup. „Wie ist das möglich?“

„Ja, tatsächlich. Ich habe diese Ruine geerbt und mir eine Hütte hineingebaut.“

„Und einen Vogel gefangen“, ergänzte Flori erbost.

„Dürfen wir ihn mal sehen?“, fragte Professor Klecks. „Wir lieben Vögel!“

Der kleine Mann sah von einem zum andern, dann brummte er: „Meinetwegen! Aber der Hund bleibt draußen!“ Er drehte sich um und ging voraus. Sie folgten ihm bis zu einer niedrigen Hütte. Der Mann stieß die Tür auf, zögerte kurz und zeigte dann auf einen Vogelkäfig an der hinteren Wand.

Im Käfig saß tatsächlich ein Vogel und es war nicht Tante Klara.

„Nun seid ihr ja wohl zufrieden“, brummte der Mann und wollte die Tür wieder zudrücken.

Doch Flori zupfte Professor Klecks am Ärmel und flüsterte eindringlich: „Professor! Sehen Sie doch! Hier stimmt was nicht!“

16. Eine Entdeckung

Professor Klecks bückte sich etwas zu Flori hinunter und fragte leise: „Was meinst du? Was stimmt hier nicht?“

„Der Vogel, Professor. Der Mann hat doch gesagt, er hat einen Wellensittich. Aber es ist eine Elster!“ Flori machte einen Schritt vorwärts und rief laut: „Oh, so ein schöner Vogel. Darf ich ihm mal ‚Hallo‘ sagen?“ Und schon war er an dem kleinen Mann vorbei in die Hütte gesaust.

Professor Klecks reagierte schnell. Er sagte: „Und so ein schöner Käfig! Wo haben Sie den bloß her? Der ist ja etwas ganz besonderes. Das muss ich mir genauer ansehen!“ Er eilte auf der anderen Seite um den kleinen Mann herum und stand gleich darauf neben Flori vor dem Vogelkäfig.

Der Mann mit dem Schlapphut sah ihn verdutzt nach. Dann rief er: „Halt! Was fällt euch ein?“

„Guter Mann!“, rief Dr. Jup von draußen. „Ich bin Dr. Jup – ich meine, ich heiße Dr. Julia Prantz und ich muss mit Ihnen sprechen!“

„Wuff! Wuff! Wuff!“, bellte Igor und starrte ihn an.

„Ganz ruhig, Igor. Der Mann tut mir doch nichts. Und er sagt mir jetzt bestimmt auch, wie er heißt.“

„Roderik heiße ich und ich will nicht, dass ihr hier in meiner Burg rumlauft.“

Dr. Jup schüttelte den Kopf. „Hallo Roderik. Sie haben sich hier eine Hütte gebaut, aber die Burg gehört Ihnen nicht.“

„Doch natürlich.“ Roderik sah etwas unsicher zwischen Dr. Jup und Igor hin und her. „Ich habe sie von ihrem letzten Besitzer geerbt. Das habe ich doch schon gesagt.“

„Wann soll das denn gewesen sein?“

„Natürlich, als der letzte Besitzer gestorben ist.“

„Aber es stimmt nicht!“, rief Dr. Jup. „Der letzte Besitzer dieser Burgruine lebt noch.“

Professor Klecks hatte zugehört und kam nun mit Flori zur Tür zurück. „Du kennst den Besitzer dieser Burgruine?“, fragte er verwundert.

„Wer ist es?“, wollte Flori wissen. „Haben Sie ihn schon mal getroffen?“

„Oh, sicher. Ich treffe ihn jeden Tag. Immer, wenn ich in den Spiegel sehe.“

„Wie, du bist es selbst?“, fragte Professor Klecks erstaunt.

Dr. Jup nickte und wandte sich wieder Roderik zu. „Diese Burgruine gehört tatsächlich mir. Deshalb weiß ich auch, dass Sie hier unerlaubt wohnen. Also: Was machen Sie hier?“

Roderik sah unruhig von einem zum anderen. „Äh … ich wollte … ich habe … ich bin … nein, ich soll für …“ Sein Murmeln wurde immer leiser und brach schließlich ganz ab. Dann senkte er den Kopf und schwieg.

„Ich wusste gar nicht, dass dir eine Burgruine gehört“, sagte Professor Klecks. Seit wann das denn?“

„Schon eine ganze Weile. Ich habe sie wirklich von meiner Großmutter geerbt, außerdem den Hügel, den Wald und das ganze Gebiet bis zum Wildbach hinunter.“

„Dann sind Sie ja eine Burgherrin“, rief Flori begeistert und verbeugte sich schmunzelnd.

Dr. Jup lachte. „Na ja, eher eine Burgruinenherrin.“ Dann sah sie Roderik an. „Und als solche sage ich, Sie können hier nicht einfach so wohnen.“

Roderik sah von einem zum anderen. Dann erklärte er: „Gut, dann gehe ich wieder. Lasst mir aber bitte ein paar Tage Zeit. Ich packe alles ein und verschwinde von hier.“

Dr. Jup nickte. „Kommen Sie bei mir vorbei, wenn Sie soweit sind. Dann helfen wir Ihnen.“

Die gingen hinaus und während Roderik hinter ihnen die Tür der Hütte schloss, murmelte Professor Klecks: „Wie seltsam!“

Flori zupfte ihn am Ärmel und flüsterte: „Aber wo ist denn nun Tante Klara?“

17. Ein schlimmer Verdacht

Professor Klecks sah sich vor der Hütte um. „Hm. Gesehen haben wir Tante Klara nicht. Aber wir finden sie schon noch. Wir suchen weiter.“

Gemeinsam kletterten sie zwischen den Mauerresten den Abhang hinab bis zur Wiese. Dort angekommen drehten sie sich um und schauten zurück.

„Ein eigenartiger Mensch“, überlegte Dr. Jup. „Ich habe ihn vorher hier noch nie gesehen.“

„Muss er jetzt wirklich wegziehen?“, fragte Flori.

„Tja“, brummte Dr. Jup. „Eigentlich dachte ich, er würde mich fragen, ob er bleiben darf.“

„Stattdessen packt er lieber zusammen und geht fort.“ Professor Klecks kratzte sich am Kinn. „Kommt dir das nicht auch seltsam vor?“

„Doch, das ist ungewöhnlich. Hier stimmt etwas nicht.“

„Ganz sicher nicht!“, rief Flori. „Er hält eine Elster für einen Wellensittich!“

„Er hat eben keine Ahnung von Vögeln“, stellte Professor Klecks fest.

„Wo ist eigentlich Taube?“, frage Dr. Jup. „War sie nicht auch hier?“

„Ja, und nun sie ist weg! Jetzt hat er schon drei Vögel!“, rief Flori aufgebracht. „Wir müssen sofort wieder hin und…“

„Halt, Flori“, unterbracht ihn Professor Klecks. „Wir waren dort und haben nur die Elster gesehen.“

„Aber da war kein Bett!“, rief Flori.

„Kein Bett?“, fragte Dr. Jup. „Eine Elster braucht doch kein Bett!“

„Nein, aber der Mann. Ich meine, er muss doch irgendwo schlafen. Aber da war kein Bett.“

Professor Klecks nickte. „Du hast Recht, Flori! Er hat also noch ein anderes Zimmer.“

„Ja!“ Flori konnte vor Aufregung nicht still stehen. „Und da drin versteckt er Tante Klara!“

„Und jetzt vielleicht auch Taube.“

In diesem Moment kam Taube angeflattert, landete neben ihnen im Gras und trippelte eilig hin und her.

„Gurruhuuu! Gurruhuuu!“, gurrte sie immer wieder.

„Oh, Taube! Da bist du ja!“, rief Dr. Jup und klatschte begeistert in die Hände.

Taube erschrak heftig und flatterte auf und flog einen großen Kreis, ehe sie wieder landete.

„Oh! Das wollte ich nicht!“, rief Dr. Jup. „Tut mir Leid, Taube!“

„Sie beruhig sich gleich wieder“, brummte Professor Klecks.

„Schade, dass sie nicht sprechen kann“, überlegte Flori. „Sie hat vielleicht was rausgefunden.“

„Da fällt mir etwas ein“, sagte Dr. Jup. „Kommt mit! Schnell!“

Sie nahm Igor an die Leine und lief zu einem dichten Busch in der Nähe. Professor Klecks und Flori folgten ihr. Vorsichtig krochen sie hinein und waren nun von der Ruine aus nicht mehr zu sehen.

„Igor! Sei nicht so neugierig“, flüsterte Dr. Jup.

„Warum verstecken wir uns hier?“, fragte Flori. „Roderik hat uns doch gesehen.“

„Ja, schon. Aber er denkt, wir sind gegangen. Was, glaubt ihr, wird er jetzt tun?“

„Er packt wahrscheinlich seine Sachen“, überlegte Professor Klecks.

Dr. Jup nickte. „Ganz genau. Und wenn er geht, nimmt er alles mit, was er hat.“

Flori sah sie entsetzt an. „Auch Tante Klara?“

18. Unerwartete Hilfe

Dr. Jup nickte. „Wenn er euren Papagei wirklich bei sich hat, dann wird er ihn mitnehmen.“

„Aber das darf er nicht!“, rief Flori.

„Genau. Und deshalb dürfen wir ihn nicht einfach gehen lassen. Wir müssen…“

Plötzlich wurde Igor unruhig. Er zuckte mit den Ohren, jaulte leise und schnupperte.

„Was hat er denn?“, fragte Professor Klecks erstaunt.

„Wuff!“, machte Igor leise und hielt die Nase an den Boden. Taube gurrte und flog auf einen hohen Ast. Plötzlich war ein winziges Rascheln zu hören – und dann bewegten sich in der Nähe ein paar Blätter und kleine Zweige.

‚Komm raus und zeig dich‘, dachte Flori besorgt, aber er sagte nichts. Stattdessen sah er kurz Professor Klecks an und stellte sich schnell ganz dicht neben ihn. Dr. Jup hielt Igor an der Leine und alle warteten gespannt, wer oder was da käme.

Das Rascheln kam näher. Igor fiepte leise. Dr. Jup flüsterte: „Es ist harmlos, sonst würde Igor knurren. Vielleicht … oh …!“

Unter dem Busch erschien ein Näschen, zwei dunkle Augen und Ohren. Doch mitten in der Bewegung hielten sie plötzlich inne. Das Wesen starrte sie an. Zuerst Flori und Professor Klecks. Es zuckte, als wolle es umdrehen und weglaufen. Doch dann sah es Igor und Dr. Jup und blieb still stehen.

Igor legte sich auf den Bauch. Dr. Jup ging in die Hocke und da – Flori bekam ganz große Augen – kam unter dem Busch langsam ein Igel hervor.

Flori atmete erleichtert aus. Der Igel sah von einem zum anderen und trippelte langsam zu Dr. Jup. Bis zu ihrer ausgestreckten Hand traute er sich und hatte nicht einmal etwas dagegen, dass Igor an im schnupperte.

„Nanu?“, murmelte Professor Klecks. Er konnte kaum glauben, was er sah.

Dr. Jup lächelte. „Das muss dich nicht wundert, Josef. Sie kennen sich. Wir kennen uns. Ich habe diesen Igel, und viele andere auch, großgezogen. Das hier ist Eberhard.“

„Er hat einen Namen?“, fragte Flori verwundert. „Woher weißt du, dass es Eberhard ist?“

„Schau hin“, forderte ihn Dr. Jup auf. „Auf seinem Rücken zwischen den Stacheln steckte ein kleiner Apfel. „Das ist Eberhard früher schon oft passiert.“

„Wie kommt das?“, fragte Professor Klecks und beugte sich zu Eberhard hinunter, um ihn genauer zu sehen. Der Igel zuckte leicht zurück, blieb aber.“

„Eberhard fühlt sich leicht beim Essen gestört“, erklärte Dr. Jup. „Dann lässt er alles fallen und rollt sich schnell zusammen. Da er aber als Stachelkugel nicht immer ruhig liegt, spießt er sein Essen, zum Beispiel diesen Apfel hier, auf.“

„Dann trägt er ihn rum und vielleicht sucht er ihn sogar?“ Flori bückte sich und streckte vorsichtig die Hand aus. Eberhard sah ihn an, blieb aber stehen. Mit spitzen Fingern zupfte Flori den kleinen Apfel von Eberhards Rücken und hielt ihn dem Igel hin. Der schnupperte daran, nahm ihn und legte ihn vor sich ins Gras.

„Wuff!“, machte Igor und schnaufte. Eberhard zuckte erschrocken, rollte sich ein, bewegte sich kurz und der Apfel spießte wieder an seinem Rücken.

„Tja, nun habt ihr es selbst gesehen.“ Dr. Jup stand auf. „Jetzt müssen wir uns aber etwas wegen Roderik überlegen.“

„Ja“, nickte Professor Klecks. „Am besten wäre es, wenn er gar nicht merkt, dass wir noch hier sind. Hat jemand eine Idee?“

19. Ein kurzer Blick

Dr. Jup schaute vorsichtig zwischen den Büschen hindurch hinüber zur Burgruine. Dann sagte sie: „Das wird nicht einfach. Roderik ist bestimmt misstrauisch und passt auf.“

Der Igel Eberhard schaute von einem zum anderen, also wollte er fragen, wer Roderik sei.

„Das ist der kleine Mann mit dem Schlapphut“, erklärte Flori. „Kennst du ihn? Wir wollen ihn heimlich beobachten, weil er Tante Klara, das ist unser Papagei, gestohlen hat.“

„Moment mal, Flori. Du sprichst mit einem Igel“, warf Dr. Jup ein.

„Ja, sicher“, rief Flori. „Ich war schon mal im Schimmerwald. Ich weiß Bescheid. Tiere können zwar hier nicht reden, aber sie können trotzdem helfen.“

Eberhard sah immer noch von einem zum anderen.

„Schnell, Professor, geben Sie mir Ihren Mantel“, bat Flori. Er stellte den Rucksack ab und zog den Mantel über. Den Kragen schlug er möglichst hoch und legte sich das dunkle Halstuch des Professors über den Kopf. Dann ging er hin und her.

„Der kleine Mann mit dem Schlapphut!“, murmelte Dr. Jup. „Eberhard, weißt du, wo wir den finden können, ohne dass er uns sieht?“

Eberhard starrte erst sie, dann Flori an, als wollte er überlegen. Dann fiepte er plötzlich, drehte sich um und verschwand zwischen den Zweigen.

„Schnell, hinterher“, wisperte Professor Klecks. „Aber seid vorsichtig!“

Flori gab ihm seinen Mantel zurück und setzte den Rucksack wieder auf. Dann schlichen alle zusammen hinter Eberhard her. Der lief an den Büschen entlang bis zu einer niedrigen Mauer, bog dann um eine Ecke und verschwand zwischen einigen großen Steinen.

„Eberhard, wo bist du?“, flüsterte Dr. Jup. „Warte auf uns!“

„Ich sehe ihn auch nicht mehr“, murmelte Professor Klecks. „Ist er doch weggelaufen?“

Flori bückte sich und schaute unter die Steine. „Hier liegt sein Apfel, Dr. Jup.“, wisperte er und hob ihn auf. „Er muss … ah … da ist er.“

Eberhard erschien auf der anderen Seite der Steine fiepte kurz und bog dann nach links ab. Dort lief er einen kleinen Hügel hinauf und blieb oben stehen.

„Er führt uns von der Ruine weg“, flüsterte Professor Klecks erstaunt. „Was hat das zu bedeuten?“

Sie erreichten die Stelle, an der Eberhard stand. „Also, was willst du uns sagen?“, fragte Dr. Jup und sah Eberhard eindringloch an.

„Schade, dass er nicht sprechen kann“, sagte Flori. Er würde uns bestimmt …“

„Aber er spricht ja!“, rief Professor Klecks und hielt sich sogleich die Hand vor den Mund.

„Pssst!“, zischte Dr. Jup. „Du verrätst uns noch. Was meinst du denn damit?“

„Ja, er spricht wirklich“, wisperte Flori. „Sehen Sie doch!“

Der Igel sah nämlich nicht Dr. Jup an. Stattdessen starrte er an ihr vorbei direkt auf die Ruine. Alle drei drehten sich um und dann konnten sie es sehen. In der Mauer gab es ein brüchiges Loch, sicher war es früher ein Fenster gewesen. Und von da, wo sie standen, konnten sie genau in einen Raum gucken, in dem ein Vogelkäfig hing.

„Eberhard, du bist toll“, flüsterte Flori und legte seinen Apfel vor ihn hin. Eberhard fiepte leise, rollte sich ein, spießte ihn auf und stand gleich darauf wieder auf seinen Pfötchen.

„Ist das im Käfig die Elster?“, fragte Dr. Jup und versuchte, genauer zu sehen.

„Nein, der ist kleiner und braun“, antwortete Flori.

„Noch ein Vogel?“, fragte Professor Klecks verwundert. „Was ist denn hier bloß los?“

20. Viel mehr als gedacht

Professor Klecks stand mit den anderen auf dem kleinen Hügel und schaute von weitem durch das Fenster der Ruine.  Er hatte seine Forscherbrille aufgesetzt, um besser sehen zu können.

„Der Vogel in diesem Käfig ist ganz deutlich eine Drossel“, verkündete er.

„Wie viele Vögel hat der denn noch?“, fragte Flori.

„Das werden wir herausfinden.“ Dr. Jup beugte sich zu Igor und sagte: „Du musst jetzt ganz leise sein. Schaffst du das?“

„Wuff!“, machte Igor kaum hörbar.

„So ist es gut. Wir gehen jetzt zur Mauer. Wir sind ja groß genug, um direkt durch das Fenster zu schauen. Und dann sehen wir weiter. Kommt!“

Leise schlichen sie den kleinen Hügel wieder hinunter. Der Igel Eberhard sah ihnen nach und schaute dann zusammen mit Taube weiter durch das Fenster in die Burg.

Flori war als erster an der Mauer. Er rollte sich einen Stein zurecht und stieg hinauf. Als Professor Klecks und Dr. Jup ankamen, schauten alle vorsichtig durch das Fensterloch.

Was sie sahen, konnten sie kaum glauben. In dem Raum gab es nicht nur den Käfig beim Fenster. An Stangen und Haken hingen noch viel mehr Käfige. Auf Tischen, Kommoden und Regalen standen weitere. Flori zählte und war entsetzt. „Vierundzwanzig“, wisperte er. „Vierundzwanzig Käfige mit einunddreißig Vögeln.“

Professor Klecks versuchte, um die Ecke weiter ins Zimmer zu sehen. „Aber Tante Klara ist nicht dabei, oder?“

Dr. Jup schüttelte den Kopf. „Ich sehe auch keinen grünen Papagei.“ Sie schwieg und lauschte. „Fällt euch nichts auf?“

„Hier ist alles voller Vögel“, flüsterte Flori.

„Ja, aber hörst du einen?“, fragte Dr. Jup.

Flori wartete einen Moment und auch Professor Klecks horchte.

Flori sah Dr. Jup erstaunt an: „Nein, alle sind still. Wie kommt das?“

„Sie sind gefangen und fühlen sich einsam. Sie sind unglücklich.“

„Dann müssen wir ihnen helfen!“, rief Flori fast zu laut.

„Pssst!“, machte Professor Klecks. „Wir werden ihnen helfen. Aber wie?“

„Wir lassen sie alle raus“, schlug Flori vor.

„Gute Idee“, erwiderte Dr. Jup. Aber dazu müssen wir erst mal rein. Von hier draußen erreichen wir nur diesen einen Käfig mit der Drossel.“

„Aber wenn wir drin sind und er uns erwischt? Dürfen wir das überhaupt?“, fragte Flori besorgt.

Dr. Jup nickte. „Die Burg gehört mir und Roderik darf hier nicht sein. Die Vögel hat er gefangen. Die wollen hier nicht sein. Und wenn er wegzieht und alle mitnimmt, sind sie noch unglücklicher als jetzt. Ich glaube, wir dürfen das tun.“

„Ich habe eine Idee. Hört zu!“, wisperte Professor Klecks.

Alle drei steckten die Köpfe zusammen und Professor Klecks erklärte ihnen genau, was er sich ausgedacht hatte. „Ja, das könnte klappen.“ Dr. Jup streichelte Igors Kopf und nahm die Leine kürzer. „Du kommst mit mir. Los geht‘s. Und viel Glück!“

21. Ob das gelingt?

Dr. Jup ging zusammen mit Igor an der Mauer entlang zum vorderen Eingang. Dort klopfte sie laut an der Tür und wartete. Sie wollte Roderik in ein Gespräch verwickeln, um ihn abzulenken, doch zuerst passierte gar nichts.

„Wuff“, machte Igor leise und schüttelte den Kopf, dass seine Ohren schlackerten.

„Ganz ruhig, mein Guter. Der kommt schon“, flüsterte Dr. Jup und klopfte nochmals, jetzt aber etwas lauter.

Kurz darauf hörte sie Schritte. Ein Riegel wurde geschoben und dann öffnete Roderik die Tür.

„Was ist denn noch?“, brummte er unfreundlich. „Ich packe doch schon.“

„Ja, äh, ich wollte fragen…“ Dr. Jup räusperte sich. „Ich wollte fragen, ob Sie hier – äh – ob Sie wohl meine Katze gesehen haben. Schwarz-weiß, kurze Haare, Stupsnäschen. Sie heißt Mau.“

***

Flori und Professor Klecks hatten Dr. Jup nachgesehen, bis sie um die Mauerecke gebogen war. Dann wandten sie sich dem Fenster zu, vor dem der Käfig mit der Drossel hing.

„Schnell jetzt“, flüsterte Professor Klecks, „Wir wissen nicht, wie lange sie ihn aufhalten kann.“

Er versuchte, sich zum Fenster hochzuziehen, doch die Öffnung war etwas zu weit oben. „Ich schaffe es nicht“, schnaufte er. „Was jetzt?“

Flori überlegte. Dann wisperte er: „Ich kann Sie nicht hochheben, Professor. Aber Sie können mir reinhelfen. Ich reiche dann alles raus und Sie nehmen es an.“

Besorgt sah Professor Klecks an der Mauer entlang. Es war niemand zu sehen oder zu hören. „Gut, so machen wir es. Aber sei vorsichtig, hörst du?“

Flori nickte, ließ sich hochheben und saß Augenblicke später in der Maueröffnung.  Von hier aus hakte er den Käfig mit der Drossel los und gab ihn hinaus. Dann rutschte er möglichst geräuschlos ins Zimmer.

RUMMS!

Flori zuckte zusammen und konnte gerade noch zupacken, ehe der Stuhl, über den er gestolpert war, umkippte.

„Piep, piep, piep!“ „Tschilp, tschilp!” „Krah!”

“Psst!”, wisperte Flori und schlich auf Zehenspitzen zum ersten Käfig. „Seid leise, Vögel. Ich will euch ja helfen. Aber ihr dürft mich nicht verraten.“

„Was ist los?“, flüsterte Professor Klecks draußen vor dem Fenster. „Mit wem sprichst du denn?“

„Moment!“, antwortete Flori. Er nahm einen kleinen Käfig mit einem Rotkehlchen und schlich zurück zur Wand. Dort sah er zum Fenster hinauf.

„Hm…“ Er streckte sich, so hoch er konnte, doch es gelang ihm nicht, den Käfig hinauszureichen. „Das Fenster ist zu hoch, Professor. Ich komme nicht dran. Soll ich die Vögel hier drin rauslassen?“

„Nein, Flori. Wenn sie den Weg nach draußen nicht schnell genug finden, fängt er sie vielleicht wieder ein. Wir müssen etwas anders überlegen. Gibt es eine Stange dort, mit der du die Käfige hochheben kannst?“

„Ich schaue mal nach, Professor.“ Flori stellte das Rotkehlchen ab und schlich durch den Raum, doch eine Stange war nicht zu finden. Auf seinem Weg nahm er eine Elster im Käfig mit und stellte sie neben das Rotkehlchen. Ganz kurz überlegte er, die Käfige einfach hinaus zu werfen, doch verwarf er den Gedanken gleich wieder. „Viel zu laut!“, murmelte er.

„Und, hast du etwas gefunden?“, fragte Professor Klecks besorgt. Ihm war eingefallen, dass auch Flori selbst nicht durch dieses Fenster konnte, wenn es zu hoch für ihn war.

„Noch nicht, Professor. Aber ich … oh … jetzt weiß ich etwas …. Augenblick!“

22. Jetzt aber schnell!

Flori erinnerte sich an den Stuhl, den er beinahe umgestoßen hätte. Schnell holte er ihn herbei und stellte ihn unter die Fensteröffnung. Dann nahm er den Käfig mit dem Rotkehlchen, stieg hinauf und streckte sich.

„Professor, sind Sie da?“, fragte er leise. Dabei reichte er den Käfig hinaus.

„Ja, gut so. Ich hab ihn. Mach nur weiter. Aber sei vorsichtig!“

Flori nickte, was der Professor natürlich nicht sehen konnte. Der Käfig mit der Krähe war der nächste. Dann schlich er auf Zehenspitzen durch den Raum, murmelte beruhigende Worte, um die Vögel nicht zu erschrecken und sammelte dabei die Käfige ein.

Manche standen am Boden. Die holte er als erstes. Danach kamen die auf dem Tisch und der Kommode dran. Zuletzt blieben fünf übrig. Zwei davon erreichte er, indem er auf die Kommode kletterte. Jetzt fehlten nur noch die drei, die in der Mitte des Raumes an der Decke hingen.

Flori überlegte kurz. Dann stellte er den Stuhl neben den Tisch und stieg hinauf. Im Käfig über ihm saß ein Eichelhäher und beäugte ihn genau.

„Krrckszäck!“, machte er leise und legte den Kopf schief.

„Ich bin ganz vorsichtig“, wisperte Flori, stieg mit ihm hinunter und stellte ihn neben das Fenster.  Wieder auf dem Tisch streckte er sich und hängte den Käfig mit dem Buntspecht ab. Blieb nur noch einer übrig. Aber ein ziemlich großer. Sieben Spatzen saßen darin und schauten durch das Gitter.

„Der sieht schwer aus“, murmelte Flori. „Ich brauche beide Hände.“ Er streckte sich, so hoch er konnte.

„Tschilp! Tschilp!“ Die Spatzen hüpften und flatterten aufgeregt.

„Pssst“, machte Flori. Er erreichte den Käfig ganz knapp  und versuchte, ihn vom Haken zu heben.

***

Roderik stand in der geöffneten Eingangstür und sah Dr. Jup erstaunt an.

„Ihre Katze ist weg? Ich habe keine Katze gesehen. Und ich habe keine Zeit, mit Ihnen eine Katze zu suchen.“ Er wollte die Tür schließen.

Das jedoch konnte Dr. Jup nicht zulassen. Schließlich wollte sie Roderik an der Tür aufhalten, damit Flori und Professor Klecks genug Zeit hätten, die Vögel zu befreien.

„Moment, warten Sie!“, rief sie deshalb und ging einen Schritt näher. „Sind Sie ganz sicher, dass sie meine Mau nicht gesehen haben? Igor und ich glauben, ihre Spur ging bis hierher.“

„Hierher zu mir?“ Roderik und schaute zweifelnd auf Igor. „Hat Ihr Hund eine gute Nase?“

„Ja“, nickte Dr. Jup. Doch das war ein Fehler. Sie merkte er selbst sofort, als Roderik sich umsah und zurück in seine Hütte starrte. „Sie meinen, da ist eine Katze drin? Das darf nicht sein!“, rief er, warf die Tür zu, drehte sich auf dem Absatz um und eilte in seine Hütte.

Dr. Jup war erschrocken. „Halt!“, hatte sie ihm nachgerufen, doch Roderik achtete nicht auf sie. Er durchquerte den kleinen Raum und öffnete eine andere Tür. „Wo soll hier eine Katze sein?“ schimpfte er dabei. Da hörte er ein Geräusch und blieb stehen. Er lauschte. Es kam aus dem nächsten Raum und klang wie … Rascheln? Oder … Flattern? Piepen?

Roderik ging näher. „Etwas regt die Vögel auf“, überlegte er laut. „Wenn da eine Katze ist, kann sie was erleben.“

Er griff nach einem Besen, der neben ihm an der Wand lehnte, stieß die Tür auf und machte zwei Schritte ins Zimmer. Doch was er da sah, ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben.

In der Mitte des Raumes stand Flori auf dem Tisch, hielt mit ausgestreckten Armen einen Vogelkäfig, in dem ein paar Spatzen flatterten und starrte ihn entsetzt an.

23. Erwischt!

Flori sah Roderik mit dem Besen in der Tür stehen.

„Was machst du da?“, rief der wütend. „Komm sofort da runter.“ Er hob den Besen und ging auf Flori zu.

Flori erschrak. Was jetzt? Auf keinen Fall wollte er aufgeben. Er hielt den Käfig mit den aufgeregt flatternden Spatzen mit beiden Händen fest und sprang vom Tisch. Ein paar kleine Federn flogen durch die Luft.

„Komm sofort her!“, rief Roderik.

„Keine Zeit!“ Flori sauste mit dem Käfig zum Fenster. Ohne den Stuhl konnte er allerdings nicht hinaus. Er saß in der Falle.

„Hab ich dich!“, brüllte Roderik und streckte seine Hand nach ihm aus.

„Noch nicht“, keuchte Flori, schlüpfte unter dem Arm durch und rannte zur Tür. Dabei öffnete er die Tür des Spatzenkäfigs.

„Los, raus mit euch. Fliegt! Fliegt!“

Die Spatzen tschilpten und piepsten laut durcheinander, doch sie flogen nicht hinaus. In ihrer Aufregung konnten sie das kleine Türchen nicht finden.

„Her mit dem Käfig“, schimpfte Roderik. Er war Flori gefolgt und ergriff ihn jetzt am Arm. „Am besten sperre ich dich auch gleich ein. „Mach sofort das Türchen zu.“

„Niemals!“, rief Flori und versuchte, sich loszureißen. Doch Roderik war stärker als er.

Plötzlich flatterte etwas durch den Raum. Taube war durch das Fenster hereingeflogen. Sie stürzte sich auf Roderiks Kopf, pickte ihn immer wieder und flog dabei kreuz und quer durch den Raum.

Roderik riss die Arme hoch. Flori war frei. Mit dem Käfig rannte er zum Tisch, zerrte den Stuhl zum Fenster und reichte eilig die letzten Käfige hinaus, während Taube noch immer Roderik attackierte.

„Jetzt du“, rief Professor Klecks von draußen. „Steig schnell raus!“

In diesem Moment erwischte Roderik Taube mit dem Besen. Sie flatterte schräg durch die Luft, fiel dann auf den Tisch und blieb liegen.

„So!“ keuchte Roderik. „Nun ist wohl Ruhe. Und jetzt zu dir.“ Er drehte sich wieder zu Flori um. „Was fällt dir eigentlich ein?“

„Was haben Sie mit Taube gemacht?“, fragte Flori erschrocken. „Ist sie tot?“ Er lief zum Tisch.

Taube öffnete gerade die Augen. Sie drehte ihren Kopf und bewegte sich. Dann schlug sie mit den Flügeln und kam wieder auf die Beine.

Vor der Tür hörte man jetzt Schritte und Igor bellte.

„Was wollt ihr eigentlich alle von mir?“ rief Roderik. „Ich habe euch nichts getan.“ Mit einem Blick auf Taube ergänzte er. „Fast nichts jedenfalls.“

„Warum fangen Sie all diese Vögel?“, fragte Flori aufgeregt. „Und wo ist Tante Klara?“

„Tante Klara? Die kommt ja wohl gerade rein“, erwiderte Roderik und zeigte zur Tür. Dr. Jup trat ein und ließ Igor an der Leine in den Raum.

„Tante Klara ist ein Papagei!“, rief Flori ärgerlich. „Klein und grün. Wo haben Sie sie versteckt?“

Er sah sich im Raum um, doch es war kein Käfig mehr übrig. Flori schaute Dr. Jup an, doch die zuckte nur mit den Schultern.

„Verschwindet endlich. Hier gibt es keinen Papagei. Was wollt ihr denn noch, zum Donnerwetter?“

„Tante Klara wollen wir! Zum Donnerwetter!“, rief Flori.

„Kuckuck! Kuckuck! Donnerwetter! Ping!“

24. Endlich befreit!

Flori hatte es ganz deutlich gehört. Und gleich darauf wieder. „Kuckuck! Kuckuck! Ping!“

„Das ist sie! Das ist Tante Klara!“, rief er und sah sich suchend um. „Von wo kam das?“ Er ging in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

„Halt!“ Roderik stellte sich ihm in den Weg. „Das ist mein Kuckuck. Den dürft ihr nicht auch noch rauslassen. Den brauche ich.“

„Wofür denn?“, fragte Dr. Jup. Professor Klecks kam jetzt auch zur Tür herein. „Alle Vögel sind frei. Habt ihr Tante Klara gefunden?“

„Sie sitzt da drin“, erklärte Flori aufgeregt und zeigte auf den Schrank. Professor Klecks schaute Roderik an und fragte: „Etwa im Dunkeln?“ Mit drei Schritten war er beim Schrank und riss die Türen auf.

„Kuckuck! Kuckuck!“, rief Tante Klara und streckte die Flügel so weit, wie das in dem kleinen Käfig möglich war.

„Da hört ihr es.“ Roderik lief ebenfalls zum Schrank. „Er ruft Kuckuck. Also ist er ein Kuckuck!“ Er wollte die Tür wieder schließen, doch Igor knurrte so böse, dass er es nicht wagte.

Professor Klecks nahm den Vogelkäfig aus dem Schrank, stellte ihn auf den Tisch und Flori öffnete das Türchen. Tante Klara war endlich wieder frei. Sie hüpfte heraus, streckte sich, flog eine kleine Runde im Raum und landete dann auf Floris Schulter. „Kuckuck! Kuckuck! Ping!“

„Darf ich vorstellen“, sagte Professor Klecks und deutete auf Tante Klara. „Das ist Tante Klara, unser Papagei, klein, grün, krummer Schnabel – kein Kuckuck – ein P a p a g e i!“

„Kein Kuckuck?“, flüsterte Roderik. „Wie schrecklich!“ Er sah von einem zum anderen, dann ließ er sich auf einen Hocker fallen und vergrub sein Gesicht in den Händen.

Flori sah ihn verdutzt an. Dann ging er zu ihm und fragte leise: „Was ist denn daran so schrecklich?“

Auch Professor Klecks und Dr. Jup kamen näher und sogar Igor setzte sich vor ihn hin.

„Alles ist schrecklich, denn nun kann ich nicht nach Hause.“, sagte Roderik und schniefte.

„Warum denn nicht“, fragte Professor Klecks. „Vielleicht erzählen Sie mal, was eigentlich los ist?“

Roderik sah ihn an und nickte. „Ich war der Diener von Fürst Akubar von Bellonien. Der Fürst wollte einen Kuckuck in seinem Palast haben, weil jemand ihm erzählt hatte, dass es Glück bringt, wenn man einen Kuckuck rufen hört. Er schickte mich also los, doch ich fand keinen. Ich habe ganz Bellonien abgesucht, aber es gibt dort überhaupt keine Vögel.“

„Wie kommt das denn?“, fragte Flori erstaunt.

„Wahrscheinlich, weil Bellonien in einer Wüste liegt“, erklärte Professor Klecks. „Es gibt dort auch keine Bäume.“

Roderik nickte. „Das stimmt. Als ich zurück war und Fürst Akubar sagte, dass ich keinen Kuckuck finden könnte, wurde er furchtbar wütend. Er tobte und brüllte, ich wolle wohl nicht, dass er Glück hätte. Er konnte sich nicht beruhigen und schließlich jagte er mich davon.“

„Und dann kamen Sie hierher?“, fragte Professor Klecks.

„Ja. Als ich hier ankam und sah, dass es so viele Vögel gibt, wollte ich hier einen Kuckuck fangen und  Fürst Akubar bringen, damit er mich wieder bei sich aufnimmt.“

„Und warum haben Sie hier so viele Vögel gefangen?“, fragte Dr. Jup. „Das geht doch nicht!“

„Aber ich weiß doch nicht, wie ein Kuckuck aussieht. Und gehört habe ich auch keinen.“ Roderik sah hinüber zu Tante Klara. „Bis gestern.“

Flori ging einen Schritt rückwärts. „Das ist ein Papagei!“

„In diesem Wald wohnt kein Kuckuck“, erklärte Dr. Jup. Und auch die anderen Vögel dürfen Sie nicht einfach einsperren oder etwa nach Bellonien bringen. Es sind Waldvögel. Die passen in keine Wüste. Sie wären unglücklich und würden sterben.“

„Das wusste ich nicht“, flüsterte Roderik und senkte den Kopf. „Was soll ich denn jetzt tun?“

25. Eine großartige Idee

Professor Klecks kratzte sich am Kinn. „Hm. Was man machen kann, damit Sie wieder nach Hause dürfen, weiß ich auch nicht. Ohne einen Kuckuck können Sie nicht zurück wegen des Fürsten, und mit einem Kuckuck können Sie nicht zurück wegen des Kuckucks.“

Roderik nickte traurig. Dabei sah er sah so niedergeschlagen aus, dass Flori ihm gerne geholfen hätte, aber wie?

„Kuckuck! Kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara und schüttelte sich. „Gurruhuu!“ machte Taube. Sie saß noch immer auf dem Tisch. Igor stand auf und sah sie an. „Wuff!“

Plötzlich kam Flori ein Gedanke. Er ging einen Schritt näher und fragte: „Wollen Sie denn überhaupt wieder zu diesem Fürsten, wo er doch so wütend war und Sie weggejagt hat?“

Roderik sah auf und sagte leise: „Nicht unbedingt. Er war sehr böse zu mir. Aber doch nur, weil er so gerne einen Kuckuck wollte.“

„Man kriegt nicht immer, was man will“, erklärte Flori.

 Professor Klecks lächelte. „Aber manchmal kriegt man was anderes.“

Alle sahen ihn an. „Was meinen Sie?“, fragte Flori gespannt.

Professor Klecks räusperte sich. Dann ging er zu Tante Klara und streichelte ihr Köpfchen. Flori zuckte zurück. „Aber Professor. Sie wollen doch Tante Klara nicht nach Bellonien schicken.“, fragte er entsetzt.

„Natürlich nicht, Flori. Aber was glaubst ihr, warum Tante Klara ‚Kuckuck‘ ruft?“

„Sie hat mal einen Kuckuck getroffen und macht ihn jetzt nach?“, fragte Dr. Jup.

„Nein, sie hat früher bei einer Kuckucksuhr gewohnt“, rief Flori.

„Ping!“, machte Tante Klara.

„Und bei einer Mikrowelle. Ich weiß.“ Flori lachte. „Doch auf die kommt es jetzt nicht an.“

„Nein. Aber die Uhr ist die Lösung.“ Professor Klecks drehte sich zu Roderik um. „Sie bringen dem Fürsten eine Kuckucksuhr.“

Roderik sah ihn ungläubig an. „So etwas gibt es? Eine Uhr, die ‚Kuckuck‘ ruft?“

„Aber ja! Und im Schwarzwald kann man sie sogar kaufen.“

„Das mache ich!“ Roderik sprang auf. „Dann braucht der Fürst zu niemandem mehr wütend sein. Ich kaufe eine Kuckucksuhr und schicke sie ihm.“

Dr. Jup nickte. „Das ist eine gute Idee. Dann jetzt gehen wir erst einmal alle zu mir.“ Sie sah Roderik an. „Sie auch, wenn sie möchten.“

Roderik richtete sich auf. „Gerne! Danke! Ich bin gleich soweit.“ Er lief los und kam Augenblicke später mit einem Sack zurück. „Meine Sachen“, erklärte er. „Ich will ja eine Reise machen.“

Vor der Tür wartete der Igel Eberhard. Auch er schloss sich nun an und gemeinsam erreichten sie den Hof von Dr. Jup. Nun endlich war etwas mehr Zeit und Dr. Jup führte sie herum.

„So eine Aufregung“, überlegte sie. „Eigentlich hatte ich euch doch eingeladen, um euch mein neugeborenes Eselchen vorzustellen.“

Sie gingen zusammen zum Eselstall. Brana, die Eselmutter, kam ihnen entgegen und Flori streichelte ihr den Hals. Dann sahen sie sich das Eselfohlen an.

„Wie wollen wir es nennen?“, fragte Dr. Jup. „Es ist ein Mädchen.“

Flori sah Dr. Jup an, dann Professor Klecks und schließlich das Eselchen. „Frieda!“ rief er.

„Frieda? Das ist gut.“ Dr. Jup strich dem Eselchen über den Rücken. „Du heißt also Frieda.“ Aber jetzt wird erst einmal etwas gegessen.

Einige Zeit später saßen Roderik, Professor Klecks und Flori satt und zufrieden in Dr. Jups Küche.

„Wie finde ich denn zum Schwarzwald?“, fragte Roderik. „Ist es weit?“

„Ja, ziemlich.“ Professor Klecks überlegte. „Sie können erst einmal mit uns kommen. Unten am Bach steht mein Wohnmobil. Dort zeige ich Ihnen den Weg auf der Karte.“

„Und wenn Sie die Uhr abgeschickt haben und nicht wissen, wo Sie bleiben sollen, möchten Sie vielleicht wieder in meiner Burgruine wohnen“, sagte Dr. Jup.

„Oh, das wäre schön. Danke!“

„Aber keine Vögel mehr fangen“, rief Flori.

„Nein, nie wieder. Ich beobachte sie lieber im Wald.“

„Das ist eine besonders gute Idee“, erklärte Professor Klecks. „Vielleicht hören Sie dann auch einmal einen echten Kuckuck.“

„Obwohl auch ein Papageien-Kuckuck Glück bringen kann“, sagte Roderik mit einem Blick auf Tante Klara. „Ohne dich wäre die Sache wohl nicht gut ausgegangen.“

„Kuckuck! Kuckuck! Ping! Kuckuck!“, rief Tante Klara , breitete die Flügel aus und verbeugte sich vor ihm.

Es wurde ein langer fröhlicher Abend, denn sie hatten sich viel zu erzählen. Als sie endlich schlafen gingen wussten sie, dass sie Freunde geworden waren.

-> Ende des dritten Abenteuers <-

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