Die Fahrt zum Gelben Meer

Dies war das zweite Abenteuer von Flori und Professor Klecks. Sie haben unterwegs viel Spannendes erlebt und schließlich sogar neue Freunde gefunden.

1. Ein alter Freund

„Flori, wo bist du?“ Professor Klecks lief durchs Haus und suchte seinen kleinen Helfer.

„Hier, Professor!“, kam die Antwort von oben.

„Auf dem Dach?“

„Auf dem Dachboden.“

Professor Klecks stieg die Stufen der Dachbodenleiter hinauf und schaute durch die Luke. Vor ihm stand Flori in einem kleinen Pappkarton.

„Was machst du da?“

„Ich erforsche meine Schuhgröße.“ Er bückte sich und Professor Klecks sah, wie er auf dem Boden des Kartons einen Strich um seinen nackten Fuß herum zog.

„Aber Flori, deine Schuhgröße steht doch unter deinen Schuhen“, sagte Professor Klecks erstaunt.

„Das nützt mir nichts“, entgegnete Flori. „Frau Hasemantel will mir Socken stricken. Ich schneide jetzt das Stück Pappe aus und bringe es ihr. Dann kann sie meine Socken anprobieren, auch wenn meine Füße nicht dort sind.“

„Gute Idee. Hast du auch die Schnur gefunden, die du suchen solltest?

„Ja, hab ich. Aber ich weiß noch immer nicht, was wir damit machen wollen.“

„Das erkläre ich dir gleich unten. Ich gehe schon mal vor.“ Professor Klecks stieg die Leiter wieder hinunter und kam gerade in seinem Arbeitszimmer an, als es draußen auf der Straße einen dumpfen Knall gab.

Tante Klara, der kleine grüne Papagei von Flori und Professor Klecks, zuckte heftig zusammen und ließ die Erdnuss fallen, die sie eben knacken wollte. „Kuckuck, kuckuck! Bumm! Ping!“, krächzte sie und flog auf die Gardinenstange.

Professor Klecks schaute aus dem Fenster, aber er sah von diesem Zimmer aus nur seinen eigenen Garten. Dafür hörte er Flori. Der kam die Treppe heruntergerannt, ein Stück Pappe in der einen Hand, ein Stück Schnur in der anderen und rief: „Ein Schiff, Professor! Vor dem Haus steht ein Schiff.“

„Wieso ein Schiff?“

„Keine Ahnung. Es ist gegen Frau Hasemantels Zaun gefahren.“ Flori sauste nach draußen und Professor Klecks lief ihm nach.

Vor dem Haus fand er tatsächlich ein Schiff und darum herum standen die Anwohner der kleinen Straße. Herr Güldenkerz bestaunte die Beule vorne am Bug des Schiffes und Frau Hasemantel besah sich ihren umgestoßenen Zaun.

„OhGottohGottohGott!“ und „Oh du meine Güte!“, rief sie immer wieder.

Herr Güldenkerz versuchte vergeblich, sie zu beruhigen. „Wir stellen ihn wieder auf“, brummte er, „es ist doch nur ein Zaun.“, und tätschelte dabei ihre Hand. „Ich will eigentlich lieber wissen, wieso hier ein Schiff fährt. Das hier ist eine Straße, noch dazu eine sehr kleine.“

„Deshalb konnte ich ja auch nicht ausweichen“, ertönte eine tiefe Stimme und dann kletterte ein Mann vom Deck herunter auf die Straße.

„Seebär! Mein lieber Kapitän! Was machst du denn hier?“, rief Professor Klecks. „Klecks, mein lieber Professor!“, rief Kapitän Seebär. „Wie schön, dich zu sehen. Ich muss dir unbedingt etwas erzählen!“

2. Ein Schiff an Land

„Was willst du mir denn erzählen?“, fragte Professor Klecks.

„Dass Sie mit Ihrem Schiff einen Zaun umgefahren haben?“, fragte Flori.

„Aber nein! Wartet einen Moment“, murmelte der Kapitän und ging hinüber zu Frau Hasemantel. Dort verbeugte er sich. „Entschuldigen Sie, liebe Nachbarin von Professor Klecks. Der Wind ist mir plötzlich ins Segel gefahren, noch ehe ich den Anker geworfen – ich meine – die Bremse gezogen hatte. Ich helfe natürlich beim Reparieren des Zauns.“

Damit überreichte er ihr eine Schachtel mit Plätzchen, die er eigentlich für sich selbst gebacken hatte. Frau Hasemantel lächelte erfreut. „Danke! Wie nett von Ihnen. Es ist ja nicht viel passiert.“

„Wer sind Sie denn eigentlich?“, fragte Herr Güldenkerz und ließ Frau Hasemantels Hand los.

„Oh, Verzeihung!“ Der Kapitän verbeugte sich nochmals. „Ich bin ein alter Freund von Professor Klecks. Bruno Glasen mein Name, aber alle nennen mich Kapitän Seebär.“

„Güldenkerz“, brummte Herr Güldenkerz und mit einem Seitenblick auf das Schiff, „Schön, dass Sie fast heil angekommen sind.“

„Ja“, nickte Kaptän Seebär. „Ich hatte es wohl etwas eilig.“

Flori hatte inzwischen das Schiff von allen Seiten betrachtet und fragte jetzt: „Wieso hat es Räder, Kapitän?“

„Ja, wie soll ich denn sonst damit auf der Straße fahren?“

„Aber warum fahren Sie überhaupt auf der Straße? Ein Schiff ist doch für das Wasser gemacht.“

„Normalerweise schon. Aber mein Schiff kann beides. Ich fahre überall, wo es Wind gibt. Das ist doch sehr praktisch.“

„Stimmt!“, rief Flori und hörte, wie Herr Güldenkerz ganz leise murmelte: „Aber nur, wenn man nicht gegen Zäune fährt.“

Alle zusammen schoben das Schiff ein paar Meter zurück, damit es nicht mehr in Frau Hasemantels Garten ragte. Flori gab noch schnell sein Stück Pappe bei ihr ab, dann folgte er Professor Klecks und Kapitän Seebär ins Haus.

Im Arbeitszimmer goss Professor Klecks gerade Kaffee in Tassen und sagte: „Also, Bruno, was wolltest du mir erzählen?“ Schnell setzte Flori sich auf seinen Lieblingsplatz, den Hocker beim Fenster, und hörte zu.

„Eigentlich muss ich dich was fragen“, begann Kapitän Seebär. „Du hast doch noch die Truhe, die ich dir zum Aufbewahren gegeben habe, bevor ich damals zur See ging?“

„Ja, natürlich. Sie steht auf dem Dachboden.“

„Gut, die brauche ich jetzt.“

„Nanu, willst du dich zur Ruhe setzen? Du hast mal gesagt, dass du die abholst, wenn du nicht mehr über die Meere fährst.“

„Nein, nein, ich brauche nur etwas, das drin liegt. Jedenfalls glaube ich, dass es drin liegt.“

„Du weißt es nicht genau?“

„Nein, aber ich habe schon überall gesucht und kann es nicht finden. Deshalb denke ich, dass es in der Truhe ist.“

Flori war vor Spannung auf seinem Hocker hin und her gerückt. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und fragte: „Was suchen Sie denn eigentlich?“

3. Ein Turm auf einer Insel

„Was suchen Sie denn eigentlich in der Kiste?“, fragte Flori.

„Habe ich das noch nicht gesagt? Ich suche den Bauplan für mein Schiff“, antwortete Kapitän Seebär.

„Und wofür brauchst du den?“, wollte Professor Klecks wissen. „Du hast es doch schon gebaut.“

„Ja, das stimmt. Und es ist ein einmaliges Schiff. Meine Seerose ist etwas ganz Besonderes.“

„Heißt es so?“, fragte Flori und der Kapitän nickte.

„Willst du denn noch ein Schiff bauen?“, erkundigte sich Professor Klecks.

„Nein, nein, ich kann doch nur mit einem fahren.“

„Aber Bruno! Wofür willst du denn sonst den Bauplan haben?“

„Ich will einen Leuchtturm gewinnen!“ Kapitän Seebär senkte die Stimme. „Ihr werdet es doch niemandem verraten?“

„Natürlich nicht“, flüsterten beide gleichzeitig und Flori fragte: „Was für einen Leuchtturm?“

„Leuchtturm! Kuckuck, kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara und landete zwischen ihnen auf dem Kaffeetisch.

„Erzähl‘ doch mal von Anfang an“, schlug Professor Klecks vor.

„Gut, aber hast du vielleicht noch etwas Kaffee für mich?“

„Sicher.“ Professor Klecks goss ein und der Kapitän nahm einen Schluck.

„Also, das war so. Vor etwa einer Woche fuhr ich durch das Gelbe Meer. Dort, auf einer Insel vor der Küste steht ein Leuchtturm. Weißt du, wozu der gut ist, Flori?“

Flori nickte. „Er macht Licht mit einer großen Lampe, die sich dreht, damit Schiffe nachts sehen können, wo sie fahren.“

„Richtig, denn das Meer ist dort an manchen Stellen gefährlich. Es gibt viele Felsen und Sandbänke.“

Professor Klecks lachte. „Vielleicht sollte Frau Hasemantel einen Leuchtturm in ihren Garten stellen.“

„Das hätte heute nicht geholfen, aber es sähe sicher wunderschön aus. Ich liebe Leuchttürme!“ Kapitän Seebär schien ganz begeistert von der Idee zu sein.

„Und diesen Leuchtturm im Gelben Meer willst du gewinnen? Wird er denn verlost?“, fragte Professor Klecks.

„Ja, beinahe. Ich kam also dort vorbei und sah den Leuchtturmwärter winken. Ich legte deshalb kurz an. Er kam an Bord und gab mir einen Brief für seine Tochter mit. Dabei erzählte er mir, dass er zu ihr ziehen will. Er sei es leid, immer allein zu sein, aber er wolle, dass sein Leuchtturm in gute Hände käme. Ein echter Seemann soll ihn haben, einer, der das Meer und Schiffe liebt.

‚Ich nehme ihn sofort!‘, rief ich. Aber er lachte nur und sagte: ‚Ich gebe ihn demjenigen, der das schönste selbstgebaute seetüchtige Schiff hat.‘

‚Das ist meine Seerose!‘, bestätigte ich. Doch da schüttelte er den Kopf. ‚Das Schiff ist wirklich schön und seetüchtig ist es auch. Aber du hast es doch bestimmt nicht selbst gebaut.‘

‚Aber sicher habe ich das‘, entgegnete ich. ‚Ich habe ja sogar den Bauplan selbst gezeichnet.‘

‚Wirklich? Dann bring ihn mir. Das machen die anderen Bewerber auch. In einem Monat ziehe ich um. Dann werden wir sehen, wer von euch meinen Turm bekommt.‘

„Und seitdem suchen Sie den Bauplan?“, fragte Flori.

Kapitän Seebär nickte. „Ich möchte doch so gerne den Leuchtturm gewinnen.“

4. Was ist denn hier los?

„Dann steigen wir am besten sofort auf den Dachboden“, erklärte Professor Klecks. Kapitän Seebär nickte und trank seinen Kaffee aus.

In diesem Augenblick klopfte es laut an die Haustür. Flori sprang auf. „Das ist bestimmt Herr Güldenkerz. Ich sage ihm schnell, dass wir gleich kommen und den Zaun von Frau Hasemantel reparieren.“ Er lief zur Tür und riss sie auf. Doch vor ihm stand nicht der Nachbar, sondern ein Polizist.

„Hallo, Flori“, grüßte er. „Ist der Professor zuhause?“

„Äh, ja, Moment.“ Flori sauste zurück ins Arbeitszimmer. „Herr Professor“, rief er, „Sie müssen mal kommen. Draußen ist die Polizei.“

Professor Klecks und Kapitän Seebär sahen sich verwundert an und gingen zur Tür.

„Hallo Hubert!“, grüßte der Professor, verbesserte sich aber sogleich selbst. „Ich meine natürlich ,Herr Wachtmeister‘. Du bist ja als Amtsperson hier, wie ich sehe. Was gibt es denn?“

„Ist das da draußen dein Schiff, Josef? Ich muss dich…“.

„Nein, das ist mein Schiff“, schaltete sich Kapitän Seebär ein. „Ich bin der Kapitän. Seebär – äh – Bruno Glasen mein Name.“

„Aha!“ Der Polizist machte sich eine Notiz und sagte dann: „Sie können hier nicht ankern, ich meine parken. Der Vorgarten ist doch kein Hafen. Sie müssen weitersegeln.“ Er warf einen zweifelnden Blick auf den Mast, die Räder und den Zaun von Frau Hasemantel und fragte: „Wird hier vielleicht Anzeige erstattet?“

Professor Klecks schüttelte den Kopf. „Nein, Hubert. Wir stellen gleich zusammen den Zaun wieder auf und alles ist gut.“

„So? Na gut, dann bin ich zufrieden. Wenn ihr Hilfe braucht – ihr wisst, wo ihr mich findet.“

„Danke, Hubert.“ Professor Klecks kratzte sich am Kinn. „Am besten, wir reparieren den Zaun sofort. Holst du mal einen Hammer, Flori?“

Flori lief zum Gartenhäuschen und kam gleich darauf mit einem Hammer zurück. Kapitän Seebär richtete den Zaun auf, Herr Güldenkerz, der sie vom Fenster aus beobachtet hatte, kam dazu und hielt die Latten gerade, während Professor Klecks ein paar Nägel einschlug.

Frau Hasemantel hatte zugesehen. Jetzt rüttelte sie am Zaun, nickte wohlwollend und erklärte: „Das habt ihr prima gemacht. Er ist fast besser als vorher. Danke schön!“

„Dann gehen wir jetzt endlich auf den Dachboden“, sagte Professor Klecks.

Flori hatte den Hammer zurückgebracht und lief voraus durchs Haus. Tante Klara flog hinterdrein. An der Dachbodentreppe holte sie ihn ein, setzte sich auf seine Schulter und ließ sich durch die Luke nach oben tragen. Als Professor Klecks und Kapitän Seebär auf dem Dachboden ankamen, hatte Flori schon die Kiste hervorgezogen, den Staub abgewischt und dreimal geniest.

„Ganz schön schwer“, schnaufte er. „Ist da ein Goldschatz drin?“

Kapitän Seebär lachte. „Leider nicht, Flori. Sonst könnte ich mir ja einen Leuchtturm kaufen.“

Er kniete sich vor die Kiste und besah den Deckel.

„Es ist ein Schloss dran“, sagte Flori.

„Ja, ein Zahlenschloss. Man muss die richtigen Ziffern einstellen, damit es aufgeht.“

„Und wie sind die?“, fragte Flori.

„Sowas kann ich mir nie merken. Deshalb habe ich einen Zettel hinten an die Truhe geklebt.“

„Aber dann sieht doch jeder, welche Zahlen es sind.“, warf Professor Klecks ein.

„Nein“, sagte Flori nachdenklich. Er hatte den Zettel abgenommen und angeschaut. „Es ist ein Rätsel, Professor.“

„Stimmt.“ Kapitän Seebär nickte. „So erhalten wir die drei Zahlen, die wir einstellen müssen. Jetzt brauchen wir nur noch das Rätsel zu lösen.“

5. Die Seemannskiste

Flori besah sich den Zettel mit dem Rätsel und las vor: „Fragezeichen, Bein, Fragezeichen, dann drei Pfeile und drei Tiere. Eine … ah … jetzt weiß ich, was gemeint ist.“

„Du hast das Rätsel gelöst?“, fragte Professor Klecks. „Zeig doch mal her.“

„Ja, hab ich“, rief Flori. „Gefragt ist: ‚Wie viele Beine haben diese Tiere?‘ Die Antworten müssen wir am Schloss einstellen.“

„Gut“, brummte Kapitän Seebär. „Also zuerst eine Spinne.“

„Acht“, rief Flori.

„Dann ein Vogel“, fuhr Kapitän Seebär fort.

„Zwei“, rief Flori, „und noch eine ‚Vier‘ für die Katze.“

„Ping! Kuckuck, kuckuck! Ping!“, rief Tante Klara, flatterte zur Kiste und beäugte das Schloss.

Kapitän Seebär schob den Papagei behutsam zur Seite und öffnete den Riegel.

„Vorsicht“, brummte er dabei, „klemm dir nicht den Schnabel ein.“

Er klappte den Deckel auf. Flori nahm Tante Klara auf seine Hand, und alle vier schauten in die Kiste. Sie war voll bis obenhin.

„Eine richtige Schatzkiste“, wisperte Flori.

„Na, wohl eher ein Kramladen“, lachte Professor Klecks. „Was hast du denn da alles drin?“

„Schauen wir doch mal nach.“ Kapitän Seebär begann auszupacken. Bald stapelten sich einige Bücher, ein Kompass, zwei kleine Schachteln, ein Holzkistchen und ein Fernrohr neben einem Seil, drei kleinen und zwei großen Haken, einigen Seekarten und einem Säckchen mit Muscheln. Obenauf legte er einige Schreibhefte, einen Kugelschreiber, ein Feuerzeug und eine Kapitänsmütze. Dann war die Kiste leer.

Alle drei sahen sich enttäuscht an. „Kein Bauplan?“, fragte Flori.

„Das kann doch nicht sein“, brummte Kapitän Seebär. Er durchsuchte alles noch einmal, aber ein Bauplan war nicht zu finden.

„Vielleicht in einem der Bücher oder zwischen den Karten“, schlug Professor Klecks vor.

Gemeinsam blätterten sie alles sorgfältig durch. Flori fand eine Weihnachtskarte und eine vergilbte Rechnung für das Fernglas und Professor Klecks drei Briefmarken mit einem Poststempel aus Afrika.

„Das verstehe ich nicht“, sagte Kapitän Seebär ratlos. „Ich war sicher, dass der Plan in der Kiste ist.“

„Vielleicht hat sie ein Geheimfach“, überlegte Flori und befühlte den Boden, die Seitenwände und den Deckel genau.

„Nein, Flori. Es ist eine ganz gewöhnliche Kiste, ohne doppelten Boden oder so.“

„Dann ist der Plan wirklich nicht drin“, sagte Professor Klecks enttäuscht. „Was jetzt?“

„Tja, ich muss wohl weitersuchen“, brummte Kapitän Seebär. „Das Dumme ist nur, ich habe keine Ahnung, wo. Ich habe doch schon überall nachgeschaut.“

„Haben Sie ihn aus Versehen weggeworfen?“, fragte Flori.

„Nein, auf keinen Fall.“ Kapitän Seebär schüttelte energisch den Kopf. „Räumen wir erst einmal alles wieder ein. Dann sehen wir weiter.“

Kurz darauf saßen sie wieder im Arbeitszimmer. Professor Klecks hatte für jeden noch ein Stück Kuchen gefunden und Tante Klara beäugte mit Interesse die restlichen Krümel auf Floris Teller.

„Was werden Sie jetzt machen?“, fragte Flori.

6. Die Suche geht weiter

„Was können wir jetzt machen?“, fragte Professor Klecks und kratzte sich hinter dem Ohr.

Kapitän Seebär zuckte mit den Schultern und sah so enttäuscht aus, dass er Flori Leid tat.

„Wir müssen einfach weiter nach dem Bauplan suchen“, erklärte Professor Klecks.

„Ich weiß wirklich nicht, wo ich noch nachschauen soll“, brummte der Kapitän.

„Es ist ja noch etwas Zeit. Du brauchst den Plan doch erst in etwa drei Wochen, oder?“

„Erst mal brauche ich eine Idee“, brummte Kapitän Seebär.

„Ich habe eine!“, rief Flori.

„Wirklich? Dann raus damit, zum Donnerwetter!“, rief Kapitän Seebär aufgeregt.

„Sie haben doch das Schiff selbst gebaut!“, sagte Flori.

„Ja sicher!“, nickte der Kapitän.

„Und Professor Klecks weiß das genau“, fuhr Flori fort.

„Das stimmt“, warf Professor Klecks ein.

„Also ist alles klar. Wir fahren mit Ihnen zu dem Leuchtturm und sagen dem Leuchtturmwärter, dass Sie Ihr Schiff selbst gebaut haben.“

„Sehr gut!“, rief Professor Klecks. „Vielleicht fällt uns unterwegs sogar ein, wo der Bauplan noch sein könnte.“

„Und wenn wir ihn nicht finden, habe ich wenigstens euch als Beweis. Das könnte klappen, zum Donnerwetter!“

Kapitän Seebär schlug begeistert mit der Faust auf den Tisch, so dass die Kaffeetasse klirrte. Erschrocken flatterte Tante Klara zur Gardinenstange hoch. „Kuckuck, kuckuck! Ping! Donnerwetter! Ping! Ping!“

„Alles gut, ganz ruhig!“, rief Flori dem Papagei zu. Dann fragte er: „Wann fahren wir, Professor?“

Professor Klecks sah Kapitän Seebär fragend an: „Sofort?“

„Sobald ihr fertig seid.“

„Das geht schnell!“, rief Flori. Er sauste los und kam kurz darauf mit seinem Rucksack zurück. Professor Klecks hatte in der Zwischenzeit seine Reisetasche gepackt. Jetzt griff er nach dem Mantel mit den vielen Taschen und gab Flori seinen Anorak.

„Nehmt auch Mützen mit“, riet Kapitän Seebär. „Auf einem Schiff ist es immer windig.“

Professor Klecks stopfte noch zwei Pudelmützen in seine Reisetasche. Dann waren sie bereit und gingen an Bord.

Am Gartenzaun standen Herr Güldenkerz und Frau Hasemantel. „Ahoi und gute Fahrt! Seid vorsichtig!“, riefen sie und winkten.

Kapitän Seebär winkte zurück. Dann löste er ein paar Leinen, ging zum Steuer und zog an einer Schnur. Ein kleines Segel öffnete sich, der Wind blies hinein und langsam bewegte sich das Schiff vorwärts. Flori betrachtete alles mit Spannung.

„Willst du es mal versuchen?“, fragte Kapitän Seebär und zeigte auf das Steuerrad. Flori nickte und griff mit beiden Händen in die Speichen. „Was mache ich jetzt?“

„Achtung, Gartenzaun voraus. Dreh etwas nach Backbord, das bedeutet links, ja, so ist es gut.“

„Backbord! Ping!“, rief Tante Klara auf Floris Schulter.

Professor Klecks studierte eine Landkarte. „Halt, Bruno, das ist nicht die Richtung zum Gelben Meer.“

„Da hast du Recht“, nickte Kapitän Seebär und Flori fragte erstaunt: „Wohin fahren wir denn dann, Kapitän?“

7. Wer sitzt denn da?

Kapitän Seebär sah zum Segel hinauf und erklärte: „Ich kann das Schiff hier nicht umdrehen. Der Wind schiebt uns erst einmal zur Stadt hinaus.“

Flori sah Häuser und Bäume vorbeiziehen, als das Schiff langsam über die Straße fuhr. Den Anwohnern stand vor Staunen der Mund offen, aber sobald Flori ihnen zuwinkte, winkten sie zurück. Schließlich erreichten sie die Felder vor der Stadt.

„Und wohin jetzt?“, fragte Professor Klecks. „Willst du etwa über die Weideberge segeln?“

„Nein, das ist zu umständlich. Wir machen es uns viel leichter. Bringt schon mal eure Sachen in die Kajüte, dann zeige ich euch, was ich vorhabe.“

Professor Klecks ging voraus eine Treppe hinunter und Flori folgte ihm. Dabei fragte er: „Was hat er gesagt, wohin wir gehen sollen, Professor?“

„Ach so, ja, Kajüte heißt auf einem Schiff ein kleines Schlafzimmer, und ein Bett darin heißt Koje. Solange wir also …“

„Ough! Ough! Ough!“

Professor Klecks blieb erschrocken stehen. „Was, zum Kuckuck, ist das denn?“

Flori konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und stolperte in den Professor hinein. Fast wäre Tante Klara von seiner Schulter gefallen. „Kuckuck! Kuckuck! Ping! Ping!“, rief sie aufgeregt.

„Ough! Ough! Ough!“

„Was ist denn hier los?“ Professor Klecks machte schnell einen Schritt rückwärts.

Flori rieb sich die Nase und lugte vorsichtig um den Professor herum. Tante Klara krallte sich auf seiner Schulter fest und schlug mit den Flügeln. „Ping! Ough? Ping!“, rief sie immer wieder.

Etwas Dunkles saß auf dem Fußboden, schaukelte hin und her, auf und nieder und klatschte ab und zu in die … Hände? … Flossen?

Patsch, patsch, patsch. „Ough! Ough!“

„Ein Seehund!“, rief Flori begeistert. „Hier sitzt ein Seehund im Keller!“

„Tatsächlich!“, staunte Professor Klecks. „Aber das ist kein Keller, Flori, das ist …“, Professor Klecks sah sich um, „… eine Küche. Kombüse heißt das wohl auf einem Schiff.“

„Und die ist im Keller?“, fragte Flori. Er hatte sich auf den Boden gehockt und kraulte den Seehund am Kopf.

„Nein, im Schiffsrumpf, so heißt das Schiff innen. Man kann auch sagen ‚unter Deck‘. Hier gibt es keinen Keller.“

„Aber ein Seehund heißt Seehund, auch auf einem Schiff, ja?“

„Ja, natürlich!“, rief Kapitän Seebär von oben. „Dieser hier heißt außerdem Jacko.“

„Ough! Jacko! Ping!“ Tante Klara flatterte auf einen Stuhl und besah sich den Seehund aus der Nähe. Jacko freute sich ganz offensichtlich über den Besuch. Immer wieder stupste er Flori mit der Schnauze an.

„Ist das etwa dein Matrose?“, fragte Professor Klecks und lachte. Dann sagte er zu Flori: „Ein Matrose arbeitet auf einem Schiff und hilft dem Kapitän.“

„Ich weiß. Wie ein Helfer bei einem Professor“, nickte Flori und grinste.

„Ja, fast so.“ Kapitän Seebär guckte durch die Luke nach unten. „Wenn ihr soweit seid, kommt rauf! Ich will euch etwas zeigen.“ „Was denn?“, fragte Flori und sprang auf.

8. Achtung, Professor!

Flori und Professor Klecks brachten ihre Sachen in die Kajüte. Jacko, der Seehund, watschelte hinterdrein und beschnupperte neugierig Floris Rucksack. Tante Klara flatterte auf ein Regal an der Wand und beäugte von da aus den kleinen Raum.

„Hier ist ja ein rundes Fenster!“, stellte Flori erstaunt fest, kletterte auf seine Koje und sah hinaus. Draußen glitt eine große alte Eiche vorbei.

„Das Fenster heißt Bullauge“, erklärte Professor Klecks. Er setzte seine Pudelmütze auf, gab Flori die andere und stieg voraus die Stufen nach oben. Tante Klara landete auf Floris Schulter und ließ sich tragen.

Kapitän Seebär stand noch immer am Steuerrad.

„Kann Jacko auch Treppen steigen?“, fragte Flori, „Oder muss man ihm…“ Ein Stups an seiner Wade unterbrach ihn und er drehte sich um. „Oh, da bist du ja schon, Jacko.“

„Wie du siehst, kann er das gut alleine“, sagte Kapitän Seebär. Dann zeigte er auf eine Karte, die neben ihm auf einem kleinen Tisch lag. Unter seinem großen Finger erkannte Flori eine fast gerade Linie.

„Was bedeutet der Strich, Kapitän?“

„Das ist die Straße, auf der wir jetzt sind.“ Dann zeigte der Finger auf eine sehr wellige Linie. „Und da wollen wir hin.“

„Auch eine Straße?“, fragte Flori.

Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Nein, wir …“

Plötzlich knirschte und knackste es schrecklich laut. Kapitän Seebär drehte sich erschrocken um, griff ins Steuer und drehte es etwas nach rechts..

„Achtung, Professor!“, schrie Flori und sprang zur Seite. Professor Klecks bückte sich, war jedoch nicht schnell genug. Ein großer Ast kam über das Deck gefegt und riss ihm die Pudelmütze vom Kopf.

„Halt!“, rief er. „Bruno! Meine Mütze! Halt an!“

Doch Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, Josef. Ein Schiff folgt eigenen Regeln, besser gesagt, dem Wind. Rückwärts fahren kann ich nicht.“

Flori war nach hinten gelaufen und hielt Ausschau nach dem Baum. Er konnte die Mütze in den Zweigen sehen. Sie wurde kleiner und kleiner, je weiter sie fuhren.

„Ough! Ough!“ Jacko war ihm gefolgt und schaukelte hin und her.

„Du kannst da nicht helfen“, murmelte Flori, bückte sich und kraulte ihm den Kopf. Fast wäre Tante Klara aus dem Gleichgewicht gekommen. Sie zwickte Flori sachte ins Ohr.

„Aber du kannst!“, rief er. „Schnell, Tante Klara, ehe wir zu weit weg sind!“ Er nahm den Papagei auf seine Hand. „Der Professor braucht doch seine Mütze zurück.“

Tante Klara streckte sich, breite die Flügel aus und flatterte los. Flori sah ihr nach, bis sie fast verschwand …

… und dann zurück kam mit etwas im Schnabel. Die Mütze! Tante Klara hatte es geschafft. Sie ließ die Mütze vor Floris Füße fallen und landete selbst auf seiner Schulter.

„Super, du bist ein toller Vogel!“, rief Flori, hob die Mütze auf und brachte sie Professor Klecks.

„Wie gut, dass wir dich dabei haben.“ Der Professor setzte seine Mütze wieder auf. Dann kramte er in seinem Mantel mit den vielen Taschen, fand eine Erdnuss und überreichte sie Tante Klara: „Danke schön!“

„Danke schön! Ping!“, krächzte Tante Klara und knackte die Nuss.

„Na, da hast du ja Glück gehabt!“ Kapitän Seebär und zeigte wieder auf die wellige Linie auf der Karte. „Also schaut her. Hier wollen wir hin.“

„Und es ist keine Straße?“, fragte Flori.

„Nein, Flori. Das da ist der Schlangenfluss!“

9. Schnell wie der Wind

Flori riss die Augen auf. „Wir fahren zum Schlangenfluss? Gibt es da Schlangen?“

Jacko, der Seehund, nickte eifrig auf und ab, doch Kapitän Seebär sagte: „Nein, Flori. Der Fluss heißt so, weil er sich wie eine Schlange durch das Land windet.“

Jetzt war Flori verwirrt. „Am Fluss ist es also ungefährlich?“

„Aber natürlich“, bestätigte Kapitän Seebär, doch Flori sah, dass Jacko heftig den Kopf schüttelte. Deshalb fragte er:

„Professor, waren Sie schon mal am …“

„Halt, Flori, warte! Da ist was auf der Straße, Bruno!“

Professor Klecks zeigte nach vorn und Kapitän Seebär nahm sein Fernrohr zur Hand. „Tatsächlich, zum Donnerwetter! Da ist ein Tor. Und es ist zu!“

„Was jetzt?“

„Alle Mann an Deck!“, rief der Kapitän und griff nach ein paar Leinen am Segel.

„Wir sind doch alle hier“, wunderte sich Flori.

„Das ruft ein Kapitän, wenn ein Notfall eintritt“, erklärte Professor Klecks hastig und lief hinüber zu Kapitän Seebär. Der hantierte mit den Seilen. „Hier, halt fest und zieh, Josef. Wir machen das Segel klein, damit wir langsamer fahren.“

Professor Klecks zog aus Leibeskräften und das Schiff bremste etwas ab.

„Flori!“ Kapitän Seebär drehte sich zu ihm um. „Wie schnell kannst du laufen?“

„Schnell wie der Wind!“, rief Flori.

„Du musst schneller sein als der Wind. Du musst das Schiff überholen.“ Er knotete eine Schlaufe in ein starkes Seil. „Los, komm her. Tritt hier rein, ich lasse dich runter.“ Flori tat es und hielt sich am Seil fest. Kapitän Seebär ließ ihn seitlich am Schiff hinunter bis zum Boden und Flori sprang ab.

„Jetzt schnell! Lauf und mach das Tor auf!“

Flori sauste los. Er rannte, so schnell er konnte. Hinter sich hörte er das Schiff heranrumpeln, doch er drehte sich nicht um. Tante Klara war ihm verdutzt gefolgt und flog jetzt voraus. Flori bekam Seitenstechen, doch er blieb nicht stehen. Endlich erreichte er das Tor.

Er drückte die Klinke herunter, nichts geschah. Er rüttelte am Tor, es blieb zu. Immer lauter hörte er das Schiff und sah sich nun doch um. Es kam immer näher. Er riss und rüttelte. Nichts! Er sah das Tor an! Warum ging es nicht auf?

Stopp! Ganz schnell ganz ruhig überlegen! Er legte die Hände aneinander und konzentrierte sich.

‚Ein Tor – zu – verschlossen? – Verriegelt? – EIN RIEGEL!‘

Flori griff durch das Tor, fand den Riegel und zog ihn zur Seite. Dann stieß er mit aller Kraft die Torflügel auf und sprang von der Straße. Langsam rollte das Schiff an ihm vorbei durch das Tor.

„Hurra! Bravo! Du hast es geschafft!“, riefen Professor Klecks und Kapitän Seebär begeistert.

Flori stieg wieder in die Seilschlaufe und Professor Klecks zog ihn an Bord.

„Das war große Klasse!“ „Ough! Ough!“ „Kuckuck! Ping! Ping!“

Flori stemmte die Arme in die Seiten und bückte sich keuchend. Er musste erst einmal verschnaufen. Langsam nahm die Seerose wieder Fahrt auf und die Landschaft glitt vorbei.

„Komm mal mit, Flori“, rief Professor Klecks. Er gab ihm das Fernrohr des Kapitäns und ging mit ihm bis zur Spitze des Schiffes. „Schau da hinüber, zwischen den Bäumen hindurch! Das ist der Schlangenfluss!“

Flori sah weit vor dem Schiff Wasser glitzern. Der Weg dahin schien ihm immer schmaler und steiler zu werden.

„Müssen wir etwa da runter fahren, Professor?“, fragte er besorgt. Professor Klecks nickte nur und erwiderte: „Halt dich bloß gut fest.“

10. Ob das gut geht?

In der Ferne glitzerte das Wasser des Schlangenflusses.

Kapitän Seebär stand am Steuer und Flori ganz vorne auf dem Schiff. Durch das Fernrohr beobachtete er, wie der Fluss immer näher kam.

Jacko, der Seehund, schaukelte hin und her. Manchmal drehte er sich auch im Kreis oder stupste Flori mit der Schnauze an. Tante Klara saß auf Floris Schulter und pickte sanft in sein Ohr.

„Willst du auch mal durchgucken?“, fragte Flori und hielt ihr das Fernrohr hin.

„Kuckuck! Kuckuck!“, rief sie und pickte nach dem Glas.

„Ja, genau. Kuckuck! Da durch musst du gucken“, erklärte er und zeigte auf das dünne Ende. Tante Klara beugte sich vor und legte den Kopf schräg. Flori hielt das Fernrohr vor das Auge des Papageis und … „Ping! Ping! Ping!“, schrie Tante Klara und flog davon. Auf der äußersten Spitze der Schiffes war eine Möwe gelandet.

„Komm zurück“, rief Flori. „Die sieht nur durch das Fernglas so riesig aus!“ Aber Tante Klara fühlte sich zwischen den Seilen am Mast sicherer und blieb erst einmal dort sitzen.

„Wir sind bald da“, sagte Professor Klecks. „Wo Möwen sind, ist das Wasser nicht weit weg.“

Der Weg war inzwischen sehr schmal geworden. Jetzt führte er einen sanften Hügel hinunter. Kapitän Seebär holte das Segel ein. Der Abhang war nicht so steil, wie Flori befürchtet hatte, aber dennoch rollte das Schiff schneller und schneller.

Jacko drehte sich wild im Kreis.

„Was hat er denn?“, fragte Flori besorgt.

Kapitän Seebär lachte. „Er freut sich auf das Wasser. Er will endlich wieder schwimmen.“

„Ough! Ough!“, rief Jacko und nickte heftig.

Das Schiff schaukelte, als der Weg eine leichte Kurve machte. Kapitän Seebär stand am Steuer.

„Halt dich fest, Flori!“, rief Professor Klecks und legte beide Arme um den Mast.

„Sofort, Professor!“ Schnell steckte er das Fernrohr zwischen ein paar Seilschlaufen am Boden und klammerte sich an der Reling fest.

Der Weg wurde noch steiler, das Schiff noch schneller. Es erreichte das Ufer, holperte über ein paar Steine. Jetzt – alle hielten die Luft an – senkte sich die Spitze nach unten. Flori hatte einen ganz kurzen Augenblick das Gefühl, zu schweben, dann platschte es und spritzte gewaltig –  die Seerose schwamm im Schlangenfluss.

„Schiff ahoi!“, rief Kapitän Seebär. „Volle Fahrt voraus!“

Er drehte am Steuer und die Seerose glitt in die Strömung.

Professor Klecks ließ erleichtert den Mast los und wischte sich die Stirn. Dann verkündete er: „Ich mache uns etwas zu essen, denn jetzt habe ich Hunger!“

„Gute Idee, Josef.“ Kapitän Seebär sah sich um. „Komm , Flori, halt mal das Steuer. Ich setze das kleine Segel. Aber vorher lasse ich Jacko ins Wasser.“

Er öffnete seitlich am Schiff das Tor in der Reling und Jacko sprang kopfüber von Bord.

„Das muss toll sein“, überlegte Flori, „ich muss unbedingt ganz schnell schwimmen lernen.“

Nach dem Essen standen alle zusammen an Deck. Flori hatte wieder das Fernrohr in der Hand und Professor Klecks schrieb in sein Notizbuch. „Ein Kompass zeigt nach Norden“, murmelte er. „Aber dieser zeigt nach Westen. Warum? Das muss ich mal erforschen.“

„Fließt der Schlangenfluss direkt ins Gelbe Meer, Kapitän?“, fragte Flori.

Kapitän Seebär nickte. „Ja, stimmt. Aber zuerst kommen die Stromschnellen am Riesenstein.“

Professor Klecks hob erschrocken den Kopf. „An den Riesenstein habe ich noch gar nicht gedacht, Bruno! Willst du wirklich da vorbeifahren?“

11. Ein Schiff mit Aufzug

„Ja, sicher. Das ist der schnellste Weg zum Gelben Meer.“

„Es hört sich unheimlich an“, sagte Flori. „Ist es da gefährlich?“

„Ach was!“ Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Wenn man gut aufpasst, und das tun wir ja, dann kann nichts schief gehen.“

Tante Klara, der Papagei, saß auf Floris Schulter. „Kuckuck! Riesenstein! Ping!“, rief sie und schüttelte sich.

„Du bist ein kluger Vogel“, sagte Professor Klecks und zog seine Mütze fester.

Kapitän Seebär stand am Steuer und hielt angestrengt Ausschau. Ein leichter Nebel kam auf.

„Ough! Ough! Ough!“

Flori hörte den Seehund rufen und fragte: „Schwimmt Jacko allein durch die Stromschnellen am Riesenstein?“

„Nein, Flori. Wir holen ihn vorher an Bord.“

„Wie denn? Kann er auch in ein Seil treten?“

„So wie du, meinst du? Nein, für ihn habe ich etwas anderes. Ich zeige es dir.“

Professor Klecks übernahm das Steuer und Kapitän Seebär gab Flori ein Brett. „Guck mal. Das Brett haken wir in diese vier Seilenden. Dann drehst du an dieser Kurbel – ja, so – und das Brett fährt wie ein Aufzug hinunter zum Wasser.“

Flori schaute über die Reling. „Es ist unten!“, rief er. „Jetzt sitzt Jacko drauf.“

„Ough! Ough!“

„Gut, dann los! Kurbeln!“ Kapitän Seebär und Flori drehten die Kurbel und hoben den Seehund aus dem Wasser.

„Jacko ist ganz schön schwer“, stellte Flori fest.

„Stimmt, aber jetzt ist er weit genug. Du kannst ihm die Tür aufmachen.“

Flori öffnete das Tor in der Reling und Jacko watschelte an Bord.

„Na, war’s schön?“, fragte Flori und kraulte ihm den Kopf. Jacko nickte auf und ab und stupste ihn mit der Schnauze an.

Plötzlich hörten sie Professor Klecks rufen: „Bruno! Komm schnell! Das Schiff will nicht so fahren, wie ich lenke!“

„Was meinst du damit?“, fragte Kapitän Seebär, drückte Flori das Brett und die Seile in die Hand und lief zum Steuer.

Flori rief: „Was soll ich damit machen?“ Doch der Kapitän war schon weg. War etwas passiert? Flori besah sich die Seile und das Brett. Haken? Ösen? Schlaufen? Er fand eine Halterung an der Reling und klemmte das Brett dort fest. Dann hakte er die Seile in einer Schlaufe beim Mast ein und lief zu den anderen. Jacko war auch dort und Tante Klara saß auf dem Tisch mit dem Kompass.

„Das Schiff wird immer schneller“, hörte Flori, schaute über die Reling und rief: „Das Wasser gurgelt und braust.“

Kapitän Seebär nickte und griff nach dem Steuer. „Das ist die Strömung. Hier kommt ein zweiter Fluss von rechts, seht ihr? Und beide zusammen wollen durch den Riesenstein! Es ist sehr eng dort. Haltet euch fest!“

Das Schiff schaukelte heftig und Flori wäre fast umgefallen. Schnell griff er nach einem dicken Seil.

Kapitän Seebär drehte das Steuerrad etwas und hielt es dann mit beiden Fäusten fest. „Keine Angst!“, rief er. „Wir halten uns genau in der Mitte, dann reißt uns das Wasser mit durch. Wir dürfen nur nicht ins Windloch fahren. Achtung! Es geht looooooos…“

12. Im reißenden Fluss

„Achtung! Festhalten!“

Der Fluss riss die Seerose voran. Kapitän Seebär hielt das Steuer mit aller Kraft und lenkte sie in die Mitte der Strömung.

Plötzlich sah Flori etwas großes Dunkles von rechts kommen. Es schoss auf die Seerose zu.

„Weg da!“, brüllte eine Stimme. „Bahn frei – aus dem Weg!“ Flori erschrak. Ein zweites Schiff! Es kam in sausender Fahrt aus dem Fluss von rechts, schnitt der Seerose den Wind ab, überholte und verschwand als erster in der Felsenenge.

„He, zum Donnerwetter! Was soll das?“ Kapitän Seebär konnte die Mitte der Strömung nicht halten und die Seerose stieß gegen einen Felsen. Flori wurde kräftig durchgeschüttelt, Professor Klecks fiel um und Jacko drehte sich im Kreis. Tante Klara flog vor Schreck eine Runde um den Mast.

Die Seerose schlingerte und Kapitän Seebär steuerte mit aller Kraft gegen. Schließlich gelang es ihm, die Spitze wieder in die Strömung zu lenken. Die Fahrt wurde noch schneller, mal kam die rechte, mal die linke Seite der Felswände gefährlich nahe. Flori hielt die Luft an. Professor Klecks stemmte sich hoch und beide umklammerten den Mast.

Das Wasser spritzte an Bord und alles wurde nass. Doch niemand achtete darauf. Alle sahen nur auf die schmale Durchfahrt, die noch vor ihnen lag.

Jetzt waren sie da. Flori erschien der Fels zum Greifen nah. Die Seerose stieß an und wurde durch das Wasser auf die gegenüberliegende Seite gedrängt.

„Aaaachtung!“, schrie Kapitän Seebär. Die Seerose traf auf Steine im Flussbett, rutschte über sie hinweg, legte sich auf die Seite – Flori schrie auf – und richtete sich wieder auf.

Plötzlich lag die Seerose still. Flori sah Professor Klecks an. Der schaute umher, ließ dann den Mast los und ging vorsichtig zur Reling. Flori folgte ihm. Kapitän Seebär stand noch immer am Steuer, aber er hielt es nicht mehr fest.

„Was ist passiert, Bruno?“, fragte Professor Klecks.

„Dieser verrückte Schiffer hat uns abgedrängt!“, schimpfte Kapitän Seebär.

„Ist das Schiff noch ganz?“, wollte Flori wissen.

„Wir werden nachsehen“, brummte Kapitän Seebär düster. „Aber ich glaube, es ist nichts kaputt.“

„Warum liegt es so still im Wasser?“, fragte Flori. „Wollten wir nicht weiter den Fluss entlang fahren?“

„Tja, das wollten wir. Aber das geht jetzt nicht.“

„Was?“, rief Professor Klecks. „Warum denn nicht?“

„Na, schaut euch doch mal um. Die Strömung ist da drüben. Um uns herum sind viele Felsen. Das Flussbett ist an vielen Stellen voller Steine. Und das Wasser steht hier wie in einem Teich.“

Flori sah am Mast hinauf und entdeckte oben auf der Spitze Tante Klara. „Können wir nicht einfach das große Segel setzen?“, fragte er.

Doch Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Leider nicht, Flori. Fühlst du Wind?“

Flori sah sich um und konzentrierte sich auf einen Luftzug. „Nein, ich spüre nichts“, antwortete er dann. „Wo ist er denn?“

„Hier? Nirgendwo! Wir sind genau da, wo wir nicht hinwollten. Weil der verrückte Kerl uns abgedrängt hat, sind wir ins Windloch gefahren.“

„Heißt das, wir liegen hier fest?“, fragte Professor Klecks.

Kapitän Seebär nickte. „Hier ist jedes Segel unnütz.“

Flori war entsetzt. „Aber was machen wir den jetzt?“

13. Im Windloch

Kapitän Seebär kratzte sich am Kopf. „Das wird schwierig. Wir brauchen eine Idee.“

„Gut, dann überlegen wir mal.“ Professor Klecks nahm sein Notizbuch zur Hand. „Was haben wir für Möglichkeiten?“

„Hat die Seerose einen Motor?“, fragte Flori.

„Leider nicht. Sie ist ein Segelschiff. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich einen eingebaut.“

„Schade“, murmelte Professor Klecks und schrieb: ‚kein Wind, keine Strömung, kein Motor.‘

„Können wir es schieben?“, überlegte Flori.

„Du meinst, mit einer langen Stange, nicht wahr?“ Professor Klecks war begeistert. „Wir könnten damit das Schiff bewegen, wenn wir mit der Stange bis zum Grund dieses Sees reichen.“

Doch Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Leider, Josef. So eine lange Stange habe ich nicht an Bord.“

„Nein, nein,“ rief Flori. „Ich meine, vom Wasser aus, wenn man drin steht.“

Kapitän Seebär überlegte einen Moment. Dann schaute er über die Reling. „Hm, gute Idee. Das könnten wir versuchen.“

Auch Professor Klecks schaute über Bord. „Ich kann aber den Grund nicht sehen, Bruno. Wie tief ist das denn hier?“

„Das wissen wir gleich“, erklärte Kapitän Seebär. „Wir bauen ein Lot.“

„Ein was?“, fragte Flori.

„Ein Lot. Damit messen wir die Tiefe. Wir brauchen etwas Schweres und eine Schnur. Gib mir doch mal den Eisenring von dem Tau da drüben.“

Flori knotete den Ring los und kam zurück. „Schnur habe ich hier“, rief er und zog das Knäuel aus der Tasche, dass er zu Hause auf dem Dachboden eingesteckt hatte. „Geht die?“

„Ja, perfekt. Jetzt befestigen wir unten den Ring und machen drüber ein paar Knoten in das Band.“

„Warum?“, fragte Flori und schaute gespannt zu.

„Zum Messen. Wir zählen, wie viele Knoten im Wasser verschwinden und wissen dann, wie tief es dort ist.“

Er wickelte die Schnur langsam ab. „Also, jetzt langsam runterlassen. Halt mal mit fest. So. Ja, schau genau hin.“

„Kuckuck! Kuckuck!“, rief Tante Klara, landete auf der Reling und äugte eifrig ins Wasser.

Flori zählte die Knoten. „Eins – zwei – drei – vier.“

„Ping!“

„Zu tief“, brummte Kapitän Seebär enttäuscht und zog die Schnur zurück. „Wir können nicht drin stehen. Also geht schieben auch nicht.“

Professor Klecks schrieb auf: ‚zu tief zum Stehen‘. Dann fragte er: „Kann Jacko vielleicht helfen?“

„Ough! Ough!“ Jacko richtete sich zu seiner ganzen Größe auf und nickte heftig.

„Du bist ein toller Seehund“, sagte Kapitän Seebär. „Aber die Seerose ist zu schwer für dich. Das schaffst du nicht.“

„Und wenn wir ihm helfen? Flori kann nicht schwimmen, aber er kann steuern. Wir beide steigen in den See und helfen schieben.“

Kapitän Seebär senkte verlegen den Kopf und wurde sogar etwas rot.. „Leider unmöglich, Josef. Ich kann auch nicht schwimmen.“

„Was“, rief Professor Klecks erstaunt. „Du kannst nicht…? Aber was tun wir dann?“

Flori war inzwischen bis zur Spitze der Seerose gegangen und schaute sich von dort aus um.

„Ich hab’s!“, rief er plötzlich. „Wir ziehen das Schiff!“

„Was? Wie soll das denn gehen?“, fragten Professor Klecks und Kapitän Seebär gleichzeitig.

14. Eine gute Idee

Flori lief suchend auf der Seerose hin und her. Dabei rief er: „Sie haben doch ein langes Seil an Bord, Kapitän. Ah, da liegt es.“

Er bückte sich. Das Fernrohr steckte noch immer darin und Flori hob es auf.

„Seil ist genug da“, bestätigte Kapitän Seebär. „Und nun?“

Flori schaute durch das Fernrohr über die Spitze des Schiffs hinweg. „Da hinten, kurz vor Strömung, steht ein Baum. Da binden wir das Seil an und ziehen das Schiff hinüber.“

Er reichte Kapitän Seebär das Fernrohr. „Meinen Sie, das geht?“

„Hm“, brummte Kapitän Seebär und sah durch das Fernrohr. „Der Baum würde das aushalten, aber wie kriegen wir das Seil da hin?“

Professor Klecks beugte sich weit vor über den Rand der Seerose, um besser zu sehen. „Und wie sollen wir das machen? Willst du ein Lasso werfen?“

„Kuckuck! Kuckuck! Ping!“ Tante Klara flatterte hoch, flog dreimal um ihre Köpfe und landete auf der Seilrolle.

Professor Klecks schüttelte den Kopf. „Schade, Tante Klara, aber das ist nicht möglich. Um das Seil rüber zu fliegen, müsstest du mindestens ein Adler sein.“

„Jacko könnte das tun“, erklärte Flori. „Er braucht ja nur das Ende vom Seil ins Maul zu nehmen und rüber zu schwimmen.“

„Ough! Ough!“ Jacko nickte eifrig und stupste Flori mit der Schnauze an.

„Und wenn du da bist“, rief Flori, „läufst du mit dem Seil dreimal um den Baum, damit es fest ist.“ Flori zeigte mit der Hand Kreise und Jacko drehte sich um sich selbst. Er hatte ihn verstanden.

„Gut, versuchen wir es“, rief Kapitän Seebär und öffnete das Tor in der Reling. Jacko sprang ins Wasser, Flori ließ das Seilende hinunter und Professor Klecks wickelte die Schlaufen langsam ab.

Jacko bekam das Ende zu packen und schwamm los. Alle sahen ihm gespannt nach, wie er dem Baum langsam näher kam. Das Seil wurde immer länger und schwerer im Wasser. Jacko strengte sich mächtig an. Flori atmete kaum vor Spannung.

„Wird das Seil reichen?“, frage Professor Klecks besorgt.

„Er ist da!“, rief Flori und klatschte begeistert in die Hände.

„Schnell, binden wir das Seil an, damit es uns nicht ins Wasser fällt.“ Kapitän Seebär legte das Ende des Seils um den Mast und machte einen Knoten.

Jacko war inzwischen mit dem Seil um den Baum gewatschelt und das Seil lag dort fest.

„Ough! Ough! Ough!“

„Alles bereit!“, rief Flori und griff nach dem Seil. Professor Klecks half und rief: „Los, Bruno. Alleine schaffen wir zwei das nicht.“

Doch Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Halt, wartet noch. Ich sehe, dass sich das Seil bewegt. Wenn wir weiter daran ziehen, rutscht es vom Baum ab.“

Enttäuscht ließen sie das Seil los. Flori spähte über die Reling und Professor Klecks kratzte sich am Kinn. „Schade, dass Jacko keinen Knoten machen kann“, murmelte es dabei.

„Ja, wirklich. Das hätte ich ihm beibringen sollen. Zum Donnerwetter! Was machen wir jetzt mit deiner schönen Idee, Flori?“

15. Und es bewegt sich doch …

„Wir nehmen eine zweite Idee und hängen sie an die erste“, sagte Professor Klecks.

„Was?“, fragte Kapitän Seebär erstaunt.

„Ich meine, ich habe auch eine Idee.“

„Und die wäre?“, fragte Kapitän Seebär gespannt.

„Jacko kann keinen Knoten machen“, erklärte der Professor. Flori nickte und Kapitän Seebär brummte: „Wissen wir.“

„Aber Flori kann! Er macht den Knoten.“

„Aber Flori ist hier. Und rüber schwimmen kann er nicht.“

„Das ist auch gar nicht nötig, Bruno.“ Professor Klecks zeigte auf das Seil. „Guck mal, Flori. Was meinst du? Traust du dich, ins Wasser zu steigen und dich am Seil hinüber zum Baum zu ziehen. Du bist als Einziger leicht genug dazu und wir beide müssen hier bleiben, um ziehen zu können.

Flori sah zweifelnd ins Wasser, zum Baum, zum Professor und zum Seil. Dann nickte er langsam. „Ich glaube, das schaffe ich, Professor.“

Professor Klecks nickte. „Das glaube ich auch.“

„Und wenn ich drüben bin, knote ich das Seil fest an den Baum.“

„Bravo, so einen Matrosen lob ich mir!“, rief Kapitän Seebär und klopfte ihm auf die Schulter.

Flori zog schnell Jacke und Pullover aus, während Kapitän Seebär Jackos Aufzug vorbereitete. Im Wasser angekommen, klammerte er sich am Seil fest. Ihm war etwas unheimlich zumute. Von hier unten sah der Weg viel weiter aus als von oben.

„Ough! Ough! Ough!“, hörte er Jacko rufen. Also dann los. Tapfer griff Flori sich am Seil voran, das Schiff blieb zurück und der Baum kam langsam näher.

„Prima, du schaffst das“, rief Professor Klecks. Doch Flori war sich gar nicht mehr so sicher. Je weiter er kam, desto mehr hing das Seil durch. Es war schon recht weit unter Wasser und er kam kaum noch dran, ohne zu tauchen. Doch getaucht war er noch nie. Er sah sich um. Das Schiff war genauso weit weg wie der Baum. Flori bekam Angst. In so viel Wasser fühlte er sich auf einmal ganz klein.

Plötzlich sah Flori neben sich eine Bewegung.

„Ough! Ough!“ Jacko stupste ihn an und schwamm ganz dicht neben ihm. Wollte er helfen? Tatsächlich! Jacko tauchte unter das Seil und hob es an. Jetzt hatte Flori keine Angst mehr. Er griff sich entschlossen weiter vorwärts und erreichte kurz darauf wohlbehalten das Ufer beim Baum.

„Ough! Ough! Ough!“

„Ja, du bist toll, Jacko!“, rief Flori und knuddelte ihn heftig. „Wir sind ein gutes Team.“

Schnell griff er nach dem Seilende und machte einen kräftigen Knoten. Dann winkte er zum Schiff hinüber.

Kapitän Seebär und Professor Klecks winkten zurück und riefen „Hurra!“ Dann begannen sie zu ziehen.

Zuerst kam nur das Seil aus dem Wasser. Aber dann – gaaaaanz langsaaaam – bewegte sich die Seerose in Richtung Baum.

Flori passte genau auf, dass sich der Knoten nicht löste. Jacko saß neben ihm und nickte eifrig. Tante Klara kam herübergeflogen, setzte sich in den Baum und besah sich alles genau. Schließlich erreichte die Seerose das Ufer beim Baum. Die Strömung war nah und die Seerose bewegte sich ganz langsam von allein.

„Mach den Knoten los!“, rief Kapitän Seebär. Flori tat es. Dann wurden er und Jacko an Bord gezogen.

„Kuckuck! Kuckuck!“, rief Tante Klara. Sie saß wieder auf dem Kartentisch und breitete die Flügel aus. „Ping!“

Ganz allmählich trieb die Seerose zurück in die Strömung, Kapitän Seebär hielt das Steuer fest und lenkte in die Mitte des Flusses. Flori stand neben ihm. Während die Fahrt immer schneller wurde, fragte er besorgt: „Ist die Gefahr nun vorüber, Kapitän?“

16. Überall Wasser

Flori fragte: „Ist die Gefahr jetzt vorüber, Kapitän?“

„Ja, erst einmal ist alles in Ordnung. Wir sind wieder unterwegs – obwohl…“

Professor Klecks sah erstaunt zu ihnen herüber. „Obwohl? Was heißt das, Bruno?“

Kapitän Seebär kratzte sich am Kinn. „Seht ihr die dunklen Wolken da hinten? Es wird bald regnen.“

„Ich bin schon nass!“, rief Flori und lachte.

„Richtig, und deshalb gehst du jetzt schnell nach unten und ziehst dich um. Sonst wirst du noch krank.“ Professor Klecks drückte Flori Jacke und Pullover in die Hand.“

„Die nassen Sachen kannst du dann an Deck aufhängen!“, rief Kapitän Seebär ihm nach.

„Aber erst nach dem Regen“, grinste Flori und stieg die Treppe zur Kajüte hinunter.

„Ist es noch weit bis zum Gelben Meer?“, fragte Professor Klecks. Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Morgen erreichen wir die Nebelspitze, da teilt sich der Fluss. Wir fahren nach links, also nach Westen und kommen übermorgen…“

„Zeigt dein Kompass deswegen nach Westen?“

„Wieso nach Westen. Ein Kompass zeigt immer nach …“

„Kapitän! Professor! Unten ist Wasser!“ Flori kam die Treppe heraufgestürmt, gefolgt von Jacko und Tante Klara.

„Ough! Ough!“ „Ping! Wasser! Ping! Kuckuck!”

„Unter dem Schiff? Da ist der Schlangenfluss.“

„Nein, drin. In der Küche schwimmt ein Kochtopf.“

„Kochtopf! Donnerwetter! Ping!“ Tante Klara flatterte zum Kartentisch. „Kuckuck! Kuckuck!“

„Ein Leck?!“, rief Kapitän Seebär und sauste nach unten.

„Ein Loch im Schiff?“ Professor Klecks folgte ihm hastig.

Flori blieb allein an Deck. Etwas ratlos murmelte er: „Hallo? Wer steuert jetzt?“ Er sah sich kurz um, Jacko und Tante Klara nickten. Entschlossen griff er nach dem Steuerrad und sagte: „Ich!“

Kapitän Seebär watete durch die Kombüse und fing den Kochtopf ein. Professor Klecks umrundete den Tisch. „Schau, Bruno. Das Wasserfass ist umgefallen.“

„Ja, aber ich glaube nicht, dass so viel Wasser drin war. Wir müssen genauer nachschauen, auch von außen. Doch es ist nicht so schlimm, wie ich dachte.“

Kurz darauf kam Kapitän Seebär zurück. „Sehr gut, Flori!“, lobte er. „Und jetzt bring uns zum Ufer. Dreh nach Steuerbord.“

„Ich weiß schon: Das heißt ‚rechts‘!“, rief Flori und strahlte über das ganze Gesicht.

„Stimmt! Bravo!“ Kapitän Seebär zog an einem Seil und das Segel drehte sich. Auch Professor Klecks stand wieder an Deck. Jetzt zeigte er auf einen flachen Strand. „Ich glaube, da hinten können wir ankern.“

Kapitän Seebär nickte. „Wir können sogar noch mehr tun. Lass mich mal ans Steuer, Flori. Du passt vorne auf, dass die Richtung stimmt.“

Schnell befestigte er das Seil neben sich an einem Haken. Dann steuerte er auf das Ufer zu. Die Seerose zog einen eleganten halben Kreis, Flori rief „Achtung, Ufer!“, und fuhr die flache Böschung hinauf.

Mit einem schnellen Griff löste, Kapitän Seebär das Seil und zog. Das Segel rollte ein, die Seerose stand still.

„Ough! Ough!“ „Ping!“

„Alles in Ordnung“, erklärte Kapitän Seebär. „Jetzt können wir das Schiff in Ruhe untersuchen.“

„Meinen Sie, es ist stark beschädigt?“, fragte Flori besorgt.

17. Seltsame Geräusche

„Wie groß der Schaden ist, weiß ich erst, wenn ich nachgesehen habe. Willst du mitkommen?“

Flori sah hinüber zu Professor Klecks. Der nickte ihm zu. „Geh nur, ich fange schon mal an, das Wasser auszuschöpfen. Da kannst du mir nachher helfen.“

Kapitän Seebär und Flori stiegen also an Land. Tante Klara saß dabei auf Floris Schulter und zusammen gingen sie ganz langsam um die Seerose herum. Jedes Brett, jeden Nagel, jeden Balken betrachtete Kapitän Seebär und Flori schaute genau zu.

„Hier hinten, am Heck, ist alles in Ordnung“, brummte Kapitän Seebär und ging weiter. „Hier auf der Steuerbordseite auch.“

„Also rechte Seite gut“, überlegte Flori.

„Oh, aber hier vorne…“ Kapitän Seebär kratzte sich am Kinn. „Unter dem Bug ist eine Planke eingedrückt. Das muss ich reparieren.“

Flori beugte sich vor und betrachtete den feinen Riss im Holz. Plötzlich hörte er „Ough, ough, ough!“, aber ganz leise und dumpf. Dann: „Fchchch, fchchch“ und wieder „Ough, ough!“ Etwas polterte.

„Jacko! Ping!“, rief Tante Klara und stellte die Federn auf.

„Das ist innen, Kapitän.“

„Ja, Jacko ist wohl ärgerlich“, überlegte Kapitän Seebär. „Ich repariere jetzt das Schiff. Du kannst dem Professor mit dem Wasser helfen.

Flori nickte. Doch zuerst legte er sein Ohr an das Holz der Seerose und lauschte. „Kann ein Seehund fauchen?“, überlegte er leise. Er spürte ein leichtes Zwicken an seinem Ohr. „Kuckuck, kuckuck! Ping!“

„Ja, du hast Recht. Wir sehen mal nach. Sei ganz leise jetzt.“ Tante Klara nickte mehrmals, schrie: „Jacko! Donnerwetter! Ping!“ und flog an Bord.

„Das hast du falsch verstanden“, rief Flori erschrocken. Doch dann musste er lachen und kletterte ihr nach. An Professor Klecks vorbei schlüpfte er die Treppe hinunter. Das Wasser war schon fast weg. Flori horchte. Er hörte Jacko patschen und ging dem Geräusch nach. Im Halbdunkel fand er den Seehund vor einem kleinen Schrank.

„Ough!“ Ough!“

„Was ist denn?“, fragte Flori leise.

„Fchchch!“ Etwas kratzte am Holz. Ein Flattern, und Tante Klara landete hinter Flori auf einem Regal. Jacko stupste ihn an und schaute unter den Schrank.

„Du meinst, da ist was drunter?“ Flori ging einen Schritt rückwärts und bückte sich. „Nichts zu sehen.“

„Ough! Ough!“ Jacko legte den Kopf auf den Boden und schnaufte leise.

„Wartet hier, ich brauche Licht“, erklärte Flori. Aus seinem Rucksack holte er eine kleine Taschenlampe. Dann kniete er vor dem Schrank, beugte sich tief hinunter und schaltete die Lampe ein.

„Oh!“ Zwei glühende Punkte starrten ihn aus der rechten Ecke an. Flori zuckte zurück, doch dann leuchtete er entschlossen ins Dunkel. „Eine … Katze?“

„Fchchch!“ „Ough!“ „Ping!“ „Ough!“ „Fchchch!” Jacko drängte vorwärts, doch Flori hielt ihn auf.

„Halt, Jacko. Sie hat Angst vor dir. Geh zurück, am besten nach oben.“ Er schob Jacko zur Treppe und der Seehund stieg hinauf. Flori holte ein Stückchen Wurst und ging zurück zum Schrank.

„Schau, was ich für dich habe. Komm, komm raus. Ich tue dir nichts.“

„Mit wem redest du da?“ Professor Klecks stand hinter ihm und schaute unter den Schrank.

18. Ein blinder Passagier

„Da ist eine… oh, da kommt sie!“

Sie sahen eine Pfote, eine Nase mit Schnurrhaaren, dann Augen und schließlich kroch eine grau-braune Katze unter dem Schrank hervor. Sie streckte eine Pfote nach dem Wurststückchen aus.

„So ist es gut, ja, das ist für dich“, sagte Flori leise. Doch dann riss er erstaunt die Augen auf. Die Katze sah erst ihn an, dann Professor Klecks, dann wieder ihn – und schnurrte.

„Flori, das ist ja …“ Professor Klecks schwieg erschrocken.

„Ja, Professor. Das ist Missy. Aber wie kommt die Katze von Frau Hasemantel hier an Bord?“

„Was ist denn los?“, rief Kapitän Seebär von oben.

Professor Klecks ging zur Treppe. „Du wirst staunen, Bruno. Wir haben einen blinden Passagier an Bord.“

„Wieso blind?“, fragte Flori verwundert. „Missy sieht doch sehr gut, sogar im Dunkeln.“ Er streichelte ihren Kopf und Missy schnurrte erfreut.

„Blinder Passagier sagt man, wenn jemand mitfährt, ohne dass es einer weiß“, erklärte Professor Klecks. „Oder wusstest du von Missy?“, rief er die Stufen hinauf.

„Wer ist Missy? Kommt doch mal rauf.“

„Sofort!“ Alle zusammen stiegen die Treppe nach oben. Tante Klara flog voraus und landete auf einem über dem Kartentisch gespannten Seil.

„Kuckuck! Missy! Ping!“

„Ough! Ough!“ Jacko kam näher und wollte Missy begrüßen, doch Flori hielt ihn auf.

„Warte, Jacko. Sie hat Angst vor dir.“ Doch da irrte Flori sich. Jetzt, da Jacko still saß, schnupperte Missy, sah sich um und ging dann auf den Seehund zu, ganz nah ran, stupste ihn an und rieb ihren Kopf an seinem. „Rrrrrrrrrr, maaauuu!“, schnurrte sie und streifte an ihm entlang.

„Sie mögen sich !“, stelle Kapitän Seebär erstaunt fest. „Wie kommt das denn?“

„Er riecht nach Fisch“, überlegte Professor Klecks. „Und Missy liebt Fisch.“

„Deshalb ist sie zu Hause an Bord geschlichen?“, fragte Flori. „Und dann hat sie Angst gekriegt und sich versteckt?“

„Darum war auch das Futter von Jacko weg, obwohl er noch gar nicht gefressen hatte“, brummte Kapitän Seebär.

„Fchchch!“, hörten sie, aber dieses Mal war es Tante Klara. „Donnerwetter! Ping!“

„Wir müssen Frau Hasemantel Bescheid sagen, Bruno. Sie macht sich bestimmt Sorgen.“

„Ja, aber von hier kann ich nicht telefonieren. Doch ich habe die Seerose repariert, wir können also weiterfahren. Und sobald es geht, rufen wir bei Frau Hasemantel an.“

Es war in der Zwischenzeit immer dunkler geworden und nun fielen schwere Regentropfen. Kapitän Seebär überlegte gerade, ob er das Gewitter abwarten sollte, als eine laute Stimme ertönte: „Ahoi! Alles in Ordnung?“

Alle sahen sich um. Auf dem Fluss kam ein wunderschönes Schiff gesegelt. An Deck stand ein bärtiger Mann, winkte und rief: „Braucht ihr Hilfe?“

„Nein, danke“, rief Kapitän Seebär zurück. „Alles in Ordnung. Wohin geht die Reise?“

„Zum Leuchtturm! Gute Fahrt!“, rief der andere und schon war er vorbei und verschwand um die nächste Biegung des Flusses.

„Alle fahren zum Leuchtturm!“, rief Kapitän Seebär aufgeregt. Wir können nicht warten! Alle kommen vor uns an! Los, schiebt! Zieht! Wir müssen sofort abfahren! Schnell!“

19. Das gelbe Meer

In aller Eile schoben sie die Seerose zurück ins Wasser und die Fahrt ging weiter. Es regnete heftig, einige Blitze zuckten, der Donner grollte, doch zum Glück hielt das Gewitter nicht lange an.

Kapitän Seebär stand am Steuer und zeigte voraus auf eine schmale Felswand mitten im Wasser.

„Siehst du die Wolke oben am Berg, Flori? Sie umhüllt die Nebelspitze. Vor uns teilt sich der Fluss. Wir fahren links. Wenn wir hier vorbei sind, fahren wir direkt bis ins Gelbe Meer.“

„Ist das Wasser da gelb?“, fragte Flori und sah durch das Fernrohr des Kapitäns.

„Nein, aber manchmal scheint es so. Das Wasser ist ganz klar und der Meeresboden besteht aus gelbem Sand.“

„Es ist auch recht flach und hat viele Inseln, ebenfalls mit gelbem Sand“, ergänzte Professor Klecks.

„Und auf einer davon steht der Leuchtturm, den Sie gewinnen wollen?“

„Ja, Flori, und deshalb müssen wir uns jetzt beeilen. Halt das Steuer fest, ich setze noch ein Segel. Dann geht es schneller.“

„Ough! Ough! Ough!“

„Später kannst du schwimmen, Jacko. Jetzt beeilen wir uns erst einmal.“ Kapitän Seebär und Professor Klecks hissten ein weiteres Segel und die Seerose fuhr schneller. Die Felswand mit der Nebelspitze blieb zurück und das Land wurde flacher. Vor ihnen breitete sich eine riesige Wasserfläche aus.

„Da ist es, Flori, das Gelbe Meer. Und jetzt immer nach Westen – einfach geradeaus.“

Flori schaute auf dem Kartentisch nach. „Das ist da, wo der Kompass hinzeigt, stellte er fest. ‚W‘ wie Westen.“

„Nein, nein, ein Kompass zeigt immer nach Norden. Das liegt am Magnetfeld der Erde.“ Kapitän Seebär zeigte auf die Kompassnadel und riss die Augen auf. „Ja, zum Donnerwetter! Norden ist beim ‚N‘. Was tut er denn da?“

„Er zeigt zum ‚W‘.“ Professor Klecks kam dazu. „Das habe ich dir doch schon gesagt.“

„Aber das darf er nicht.“

„Kuckuck! Quatschkompass! Ping!“ Tante Klara schüttelte sich heftig.

Kapitän Seebär klopfte auf den Kompass. „Was hast du denn?“, fragte er ratlos.  „Bist du kaputt?“

„Ist er richtig angeschraubt?“, fragte Professor Klecks.

„Ja, sicher, schon lange, und er hat immer richtig angezeigt.“

Flori bückte sich und sah unter den Tisch. „Hier ist eine Schublade, Kapitän.“

„Lauter Kleinkram drin, Flori. Was ich so in meinen Taschen finde, aber eigentlich gerade nicht brauche, lege ich da rein.“

„Darf ich?“ Flori zog am Griff.

„Vorsicht, nicht zu weit ziehen, sonst fällt sie raus.“ Kapitän Seebär beugte sich vor. „Na, was ist drin?“

Flori fand einen alten Lappen, einen Schreibblock mit Stift, Hammer, Zange, Schraubendreher und einen Klumpen kleiner Schrauben.

„Schade, kein Bauplan“, sagte Professor Klecks enttäuscht.

„Ja, leider.“ Flori kramte noch immer. „Warum machen diese Schrauben einen Klumpen?“ Er nahm eine Schraube und alle anderen kamen mit.

„Ein Magnet!“, rief Professor Klecks. „Bruno, guck mal!“

„Was? Ach du Schreck!“ Kapitän Seebär griff nach dem Schraubenbündel und hielt es vom Tisch weg. „Der Magnet hat den Kompass verwirrt. Wohin zeigt er jetzt, Flori?“

„Auf das ‚N‘, also nach Norden.“

„Dann fahren wir in die falsche Richtung. Hier, nimm das und geh einen Schritt zurück!“ Er drückte Flori die Schrauben in die Hand und drehte am Steuerrad. „Zeig mir die Seekarte, Josef!“

„Haben wir uns verirrt?“, fragte Flori erschrocken.

20. Ist es zu spät?

„Wir haben uns nicht verirrt. Aber wir machen gerade einen großen Umweg. Da soll doch einer … ! Zum Donnerwetter nochmal!“ Kapitän Seebär schimpfte vor sich hin, eilte vom Steuer zum Segel und zurück und schaute immer wieder auf Kompass und Seekarte.

Flori betrachtete den Magneten in seiner Hand. „Professor, warum macht so ein kleiner Magnet so großes Durcheinander?“

„Er ist wirklich recht klein“, stellte Professor Klecks fest. „Das sollten wir zu Hause mal genauer untersuchen“, und schrieb in sein Notizbuch: „Magnet erforschen!“

Flori zog die Schrauben vom Magneten, legte sie wieder in die Schublade und steckte den Magneten erst einmal in seine Hosentasche.

„Ough! Ough!“ „Chrrrrrrrr.“ Missy und Jacko saßen zusammen bei der Seilhaufen und fühlten sich wohl. Tante Klara betrachtete von ihrem Ausguck auf dem Seil über dem Kartentisch das Meer.

„Ist es noch weit, Kapitän?“, fragte Flori und gähnte. Der Kapitän nickte. „Ja, leider, Flori. Und wir haben viel Zeit verloren. Leg dich ein bisschen schlafen. Professor Klecks und ich steuern abwechselnd.“

„Aber ich will lieber wach sein“, erklärte Flori.

„Dann setz dich zu Jacko und Missy zwischen die Seile“, schlug Professor Klecks vor. Das tat Flori. Und war kurz darauf eingeschlafen.

Flori erwachte, weil etwas ihn an der Schulter rüttelte. Er öffnete ein Auge und sah, dass er in seiner Koje lag. Davor stand Professor Klecks. „Wach auf, Flori.“

„Was ist?“, fragte Flori verschlafen.

„Wir sind gleich da. Du willst doch bestimmt dabei sein, wenn wir ankommen.“

‚Ankommen? Wo? Dabei sein? Bei was?‘ Er richtete sich halb auf und sah sich um. ‚Ein Bullauge… in einer Kajüte…‘ Plötzlich fiel ihm alles wieder ein. „Ja, sicher will ich dabei sein!“, rief er und sprang aus der Koje. „Sind wir schon am Leuchtturm?“

„Fast!“, rief Professor Klecks ihm nach, denn Flori war schon die Stufen hinaufgesaust. Oben angekommen schaute er sich um, sah aber überall nur Wasser.

„Kein Leuchtturm?“, fragte Flori enttäuscht.

„Doch“, erwiderte Kapitän Seebär. Er reichte ihm sein Fernrohr und zeigte über die Spitze der Seerose aufs Meer. „Da hinten, am Horizont. Das ist da, wo Wasser und Himmel zusammentreffen.“

Flori musste ein bisschen suchen, aber dann sah er den Leuchtturm durch das Fernrohr. „Ich sehe auch Schiffe!“, rief er. „Zwei liegen gleich daneben im Wasser.“

„Sie ankern da. Das sind sicher die beiden, die ans uns vorbei kamen“, überlegte Professor Klecks.

Kapitän Seebär nickte. „Und da drüben“, erzeigte nach rechts, „kommt noch eins.“

„Wollen die alle Ihren Turm haben?“, fragte Flori.

„Leider ist es noch nicht mein Turm“, brummte Kapitän Seebär. Wir sollten uns wohl besser beeilen.“

Flori ging zur Spitze der Seerose und Tante Klara landete auf seiner Schulter. Missy folgte ihm und strich nun um seine Beine. „Chrrrrr, chrrrrrr.“

„Fchchchchcch, fchchchchch“, machte Tante Klara und schüttelte sich.

Missy sah verwundert hoch. „Donnerwetter! Ping!“, rief Tante Klara und stellte die Federn auf. Missy stand einen Moment still. Dann drehte sie sich um und legte sich wieder neben Jacko auf den Seihaufen. „Chrrrrr!“

„Lass sie in Ruhe“, sagte Flori. „Sie tut dir doch nichts.“

Tante Klara rieb ihren Kopf an Floris Wange. „Chrrrrr“, machte sie dabei und dann ganz leise: „Ping!“, als Flori ihren Kopf kraulte.

Professor Klecks war hinter Flori an die Reling getreten. „Schau dir da drüben das Schiff an!“

„Es fährt schnell“, rief Flori. „Schneller als wir?“

„Es sieht fast so aus.“

„Aber Professor, wir werden zu spät kommen! Können wir denn nichts tun?“

21. Die Leuchtturminsel

Kurze Zeit später erreichten sie die Anlegestelle an der Leuchtturminsel. Zwei andere Schiffe lagen schon da. Eines war die ‚Windsbraut‘. Flori erkannte das Schiff, das sie am Windloch abgedrängt hatte. An dem anderen stand der Name ‚Aurora‘. Von diesem Schiff aus hatte der bärtige Schiffer unterwegs Hilfe angeboten.

Kapitän Seebär kletterte an Land und begrüßte den Leuchtturmwärter. Dann winkte er Professor Klecks und Flori herbei. „Hier, ich habe Freunde mitgebracht.“

„Und haben Sie auch den Bauplan dabei?“, fragte der Leuchtturmwärter.

Ehe Kapitän Seebär antworten konnte, ertönte eine laute Stimme. „Hallo zusammen. Da seid ihr ja. Habt euch ziemlich Zeit gelassen.“ Der Kapitän der Windsbraut kam herbei, verbeugte sich übertrieben höflich und rief: „Olaf Olafson mein Name, Kapitän des schönsten Schiffes im Gelben Meer – der Windsbraut.“

„Nun brüll mal nicht so, Olaf.“ Aus dem Leuchtturm trat der bärtige Schiffer und hinter ihm folgte eine Frau.

„Adrian Sand“, brüllte Kapitän Olafson kein bisschen leiser als vorher. „Was machst du denn hier?“

Flori sah verdutzt von einem zum anderen und Professor Klecks sagte: „Sie haben uns helfen wollen. Sind Sie der Kapitän der Aurora?“

„Nein, nein, der Kapitän der Aurora ist sie, Anna Sand, meine Schwester.“ Er drehte sich um zu Olaf und ergänzte, „die beste Kapitänin auf dem besten Schiff, und nicht nur im Gelben Meer!“

„Immer mit der Ruhe“, sagte Anna und reichte Kapitän Seebär die Hand. „Ich bin Anna.“

„Oh – äh“, sagte Kapitän Seebär und dann noch: „Donnerwetter!“

Anna lachte und begrüßte nun auch die anderen. Dann sagte sie: „Der Leuchtturmwärter hat uns erzählt, dass weitere Bewerber kommen. Aber er sagte nicht, dass sie so schöne Schiffe haben.“

„Und auch nicht, wie langsam oder schnell sie sind!“, brüllte Kapitän Olafson dazwischen.“

„Das ist nicht das Wichtigste“, erklärte der Leuchtturmwärter. „Wir suchen den Kapitän“, er lächelte Anna an, „oder die Kapitänin mit dem schönsten seetüchtigen, selbstgebauten Schiff.“

„Wollen denn noch andere den Turm gewinnen?“, fragte Flori.

„Ein paar waren schon hier. Aber ich habe sie wieder weggeschickt. Jeder kann sagen, er hätte sein Schiff selbst gebaut. Aber sie hatten keinen Bauplan als Beweis dabei.“

„Ja, dann“, begann Kapitän Seebär, doch Professor Klecks fiel ihm ins Wort: „Dann können sie den Turm natürlich nicht bekommen.“

„Ough! Ough!“ Jacko und Missy kamen gemeinsam auf die Gruppe zu. „Wie hübsch!“, rief Anna und bückte sich, um beide zu kraulen.

„Ich mag keine Katzen!“, brüllte Kapitän Olafson, und mit einem Seitenblick auf Tante Klara, die auf Floris Schulter saß: „Und Papageien auch nicht! Wie geht es jetzt weiter?“

„Donnerwetter! Ping!“, rief Tante Klara und plusterte erbost die Federn.

Der Leuchtturmwärter war inzwischen zu den Schiffen gegangen. Er betrachtete sie von allen Seiten und stieg dann an Bord. Den Anfang machte er bei der Windsbraut. Kapitän Olafson führte ihn mit lauter Stimme herum.

Professor Klecks nahm Kapitän Seebär zur Seite. „Kopf hoch, Bruno. Lass ihn erst einmal sehen, wie schön du deine Seerose gebaut hast. Vielleicht überlegt er es sich dann.“

Flori hatte eine Idee. „Können Sie nicht einfach einen neuen Bauplan zeichnen? Sie haben den alten doch auch gemacht.“

Kapitän Seebär schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Viel zu kompliziert. Und es dauert auch zu lange.“

„Ist etwas nicht in Ordnung?,“, fragte Anna.

„Nein, alles gut!“, entgegnete Professor Klecks.

„Prima, dann führte ich jetzt den Leuchtturmwärter auf der Aurora herum. Bis später.“

Kapitän Seebär saß am Strand auf einem Stein, den Kopf in die Hände gestützt und seufzte.

„Professor, wir müssen ihm helfen“, wisperte Flori. „Was können wir bloß tun?“

22. Auf der Suche

„Wir können erst einmal Frau Hasemantel anrufen, damit sie weiß, wo Missy ist. Ich frag nach einem Telefon, wenn der Leuchtturmwärter zurück ist.“

Frau Hasemantel war überglücklich. „Meine Missy! Eine Seefahrt! Nein, sowas!“, rief sie immer wieder und Professor Klecks konnte nur mit Mühe das Telefongespräch beenden.

In der Zwischenzeit hatte der Leuchtturmwärter auch die Seerose besichtigt. Alle Anwesenden standen jetzt zusammen vor dem Leuchtturm und der Leuchtturmwärter erklärte: „Die drei Schiffe sind wirklich gut gebaut und wunderschön.“

„Aber das seetüchtigste ist die Windsbraut“, rief Kapitän Olafson.

„Kein Grund, so zu brüllen!“, fuhr ihn Adrian an. „Außerdem stimmt es nicht. Die Aurora ist mindestens genauso seetüchtig!“

„Und die Seerose auch“, rief Flori.

„Richtig, was soll der Streit“, warf Kapitänin Anna ein. „Lasst den Leuchtturmwärter entscheiden. Es ist doch sein Turm.“

Alle außer Olafson nickten. Der Leuchtturmwärter kratzte sich am Hinterkopf. „Es fällt mir schwer, den Turm aufzugeben“, begann er. „Aber ich freue mich darauf, bei meiner Tochter zu wohnen. Dort habe ich einen kleinen Garten und kann Blumen und Sträucher pflanzen, vielleicht sogar einen Baum.“

„Ja, und?“, brummte Olafson.

„Donnerwetter! Ping!“ Tante Klara wippte auf Floris Schulter mit dem Kopf auf und ab.

„In meinen Garten möchte ich Muscheln legen, damit sie mich ans Meer erinnern. Ich möchte versuchen, eine Kokospalme zu pflanzen und ich möchte eine Hecke anlegen aus geflochtener Goldhasel, denn die blüht wunderschön und duftet herrlich.

„Ja, und?“, brummte Olafson wieder. Jetzt sah Anna ihn böse an.

Der Leuchtturmwärter schaute in die Runde. „Ihr werdet mir diese Sachen holen. Es gibt eine Insel im Gelben Meer, ziemlich entfernt von hier, aber ich zeige sie euch auf meiner Seekarte. Da findet ihr das alles. Ich denke, das seetüchtigste Schiff ist am schnellsten wieder hier.“

„Und dieser Kapitän bekommt den Turm“, nickte Kapitän Seebär. „Zeig uns die Insel und los geht es!“

Kurz darauf waren alle unterwegs. Kapitän Seebär hatte ein Kreuz auf seine Seekarte gemacht. Flori stand neben dem Tisch mit dem Kompass und fragte: „Wie weit ist das denn? Brauchen wir lange?“

„Bis morgen Mittag werden wir wohl fahren“, überlegte Kapitän Seebär. Wir werden uns mit dem Steuern abwechseln.“

„Die ganze Nacht hindurch?“

„Ja, sicher.“ Er drehte am Kompass. „Jetzt ist er eingestellt. Wir fahren nach Nordosten. Und die Kompassnadel muss immer genau auf dem ‚N‘ für Norden stehen. Dann kommen wir richtig an.“

Flori nickte. Auch er durfte immer wieder mal steuern und zwischendurch beobachtete er die anderen beiden Schiffe.

Langsam wurde es dunkel. Jacko und Missy hockten bei ihrem Seilhaufen und Tante Klara schaukelte auf einem Seil am Mast. Man schlief abwechselnd.

Als Flori am nächsten Morgen erwachte, war die Seerose allein auf dem Wasser.

„Wo sind die anderen?“, fragte Flori und suchte mit dem Fernrohr des Kapitäns das Meer ab.

„Entweder weit vor uns oder weit hinter uns“, überlegte Professor Klecks. „Was meinst du, Bruno?“

„Keine Ahnung!“ Kapitän Seebär zuckte mit den Schultern. „Im Moment weiß ich nur, dass ich Hunger habe.“

„Dann machen wir Frühstück“, rief Flori und verschwand zusammen mit Professor Klecks unter Deck.

Einige Zeit später waren alle satt. Professor Klecks stand am Steuer und Kapitän Seebär hielt Ausschau mit dem Fernrohr. Flori stellte sich neben ihn, aber so sehr sie auch schauten, es war nichts außer Wasser zu sehen.

„Zeigt die Kompassnadel noch richtig, Josef?“

„Ja, Bruno, genau nach Norden“, kam die Antwort.

„Dann müssten wir doch etwas sehen“, murmelte Kapitän Seebär und sah wieder durch das Glas.

Flori wurde unruhig. „Kapitän, kann es sein, dass wir an der Insel vorbeigefahren sind?“

23. Alle helfen mit! Oder?

Plötzlich schlug Tante Klara mit den Flügeln. „Donnerwetter! Kuckuck! Kuckuck! Ping!“ Sie flog eine Runde um den Mast und landete auf Floris Schulter.

„Hast du etwas gesehen?“, fragte Flori aufgeregt.

Tante Klara nickte heftig mit dem Kopf und Kapitän Seebär riss das Fernrohr hoch. „Land in Sicht!“, rief er und zeigte nach vorn. „Insel voraus! Wir sind bald da!“

„Ough! Ough!“

„Ja natürlich, Jacko!“ Kapitän Seebär nickte. „Gleich kannst du endlich wieder schwimmen.“ Er öffnete das Tor in der Reling. Sofort sprang Jacko kopfüber ins Wasser.

Missy miaute entsetzt und sah ihm nach, aber Flori beruhigte sie: „Er kommt ja wieder, er kann doch schwimmen.“

Kapitän Seebär steuerte die Seerose zu einer flachen Stelle und fuhr aus dem Wasser. Die Aurora ankerte bereits und Flori beobachtete durch das Fernrohr, wie nun auch die Windsbraut die Insel erreichte.

Alle zusammen trafen sich am Strand. „Die Sachen suchen sollten wir gemeinsam“, überlegte Kapitänin Anna.

Kapitän Seebär nickte. „Umso schneller haben wir alles und die Wettfahrt zurück kann beginnen.“

„Na, dann los“, brüllte Kapitän Olafson. „Worauf wartet ihr denn?“

Grüne Kokosnüsse, aus denen eine Kokospalme wachsen könnte, waren schnell gefunden, doch unbeschädigte große Muscheln gab es an dieser Stelle der Insel nicht. Deshalb malte Professor Klecks eine in sein Notizbuch und zeigte sie Jacko. Der schwamm los und brachte kurz darauf für jeden eine wunderschöne Muschel.

„Fehlt noch dieser verdrehte Busch“, rief Kapitän Olafson.

„Er heißt geflochtene Goldhasel“, warf Adrian Sand ein. „Aber …“

„Ja, ja, egal“, unterbrach ihn Olafson. „Weiß einer von euch, wie der aussieht?“

Professor Klecks nickte. „Ja, ich. Er trägt viele gelbe Blüten, innen mit weißem Punkt, und duftete ein bisschen wie Ananas. Leider blüht er erst in ein oder zwei Monaten.“

„Wie sollen wir ihn da bei all dem Grünzeug hier finden?“, fragte Olafson wütend.

„Ich kenne die Blätter“, erklärte Kapitänin Anna. „Kommt mit, wir holen uns kleine Setzlinge.“

Sie gingen eine kleine Strecke in den Wald. Dort zeigte Anna ihnen die gesuchten Büsche und warnte: „Achtung, die Blätter sind klebrig.“ Vorsichtig gruben sie drei Setzlinge aus.

„Hoffentlich bringen wie die heil zum Leuchtturm“, überlegte Anna. „Sie sind sehr empfindlich.“

Kapitän Seebär kratzte sich am Hinterkopf. „Ich habe auf der Seerose ein paar Säckchen. Jeder könnte seins reinstellen und sicher transportieren.“

„Sehr gut“, brüllte Olafson. „Auf zur Seerose!“

Zurück am Strand kletterten alle an Bord. Kapitän Seebär führte sie hinunter in die Kombüse. Auf der Treppe wäre Olafson beinahe über Missy gefallen, die nachsehen wollte, was los war. Wütend brüllte er los und trat nach ihr. Missy flitzte erschrocken unter den kleinen Schrank.

„He, was soll das?!“, rief Professor Klecks.

„Ruhe im Schiff!“, brüllte Kapitän Olafson. „Ihr bleibt hier. Komm mit, Flori!“ Er zerrte Flori die Stufen wieder hinauf und schloss die Tür nach unten ab. Man hörte Rufen und Klopfen von unten.

„Was tun Sie denn?“, rief Flori. Warum sperren Sie…“

„Still! Komm mit!“

„Donnerwetter! Ping!“, schrie Tante Klara vom Seil am Mast und schlug mit den Flügeln.

Am Strand sammelte Olafson alle Muscheln, Kokosnüsse und Setzlinge ein und legte sie in sein kleines Beiboot. „Los, Flori, rein mit dir!“, kommandierte er.

„Wollen Sie mich etwa auch mitnehmen?“, fragte Flori entsetzt.

„Unsinn, du sollst für mich klettern.“ Er ruderte bis zur Windsbraut. Dort hielt er sich  an einer Strickleiter fest, die von oben bis ins Wasser reichte und schickte Flori mehrfach hinauf, bis alle Sachen sicher an Bord waren. Dann brachte er Flori zurück zur Seerose und sperrte ihn zu den anderen unter Deck ein. Alle riefen und schimpften durcheinander.

„Nur keine Aufregung“, brüllte Kapitän Olafson. „Lasst es euch gut gehen. Ich grüße den Leuchtturmwärter von euch und sage ihm, dass ihr aufgegeben habt, weil die Windsbraut die schnellste ist.“ Dann stapfte er mit lautem Lachen davon.

Die Eingeschlossenen sahen sich erschrocken an.

„So ein gemeiner Kerl!“ „Er hat uns eingesperrt!“ „Was machen wir denn jetzt?“

24. Eingesperrt!

„Wo ist Missy?“, fragte Flori. „Hat er ihr weh getan?“

„Unter dem Schrank“, antwortete Professor Klecks. „Hier, nimm die Lampe.“ Er reichte Flori die Taschenlampe und bückte sich selbst hinunter, so weit er konnte.

Flori legte sich vor dem Schrank auf den Bauch und leuchtete. „Komm raus, Missy. Er ist weg.“

Missy drückte sich an die Seite und fauchte.

„Ja, ich weiß“, murmelte Flori. „Aber er ist wirklich… – Was ist das denn?“

„Eine ängstliche Katze?“, fragte Adrian.

„Nein, was Gelbes. Es steckt hinter dem Schrank.“ Flori streckte den Arm aus.

„Gelb? Papier vielleicht?“, fragte Kapitän Seebär aufgeregt. „Warte Flori, lass mich mal.“

Er öffnete den Schrank und löste eine Schraube in der Rückwand. „Ich habe ihn an der Wand festgeschraubt, damit er bei Seegang nicht umfällt“, erklärte er. „Fass mal mit an, Adrian.

Gemeinsam rückten sie den Schrank von der Wand. Missy sauste hervor und verschwand unter Floris Koje, doch im Moment achtete niemand darauf. Kapitän Seebär hatte ein großes gelbes Stück Papier aufgehoben.

„Ist das der … der Bauplan?“, fragte Professor Klecks.

„Der Bauplan, ja, das ist er, zum Donnerwetter! Er war hinter den Schrank gerutscht.“

„Endlich haben Sie ihn gefunden!“, rief Flori.

„Ja, durch Missys und deine Hilfe“, nickte Kapitän Seebär. „Aber jetzt ist es zu spät.“

„Vielleicht nicht!“, rief Anna. „Erst einmal müssen wir hier raus. Wie klug ist dein Vogel, Flori?“

„Sehr klug, was soll er tun?“ Flori sah zu, wie Anna den Schlüssel aus dem Schlüsselloch stieß und verstand, was sie wollte. Er kletterte auf seine Koje, öffnete das Bullauge und rief Tante Klara. Sie kam fast sofort.

Flori zeigte ihr die Tür und das Schlüsselloch. „Wir brauchen den Schlüssel. Er liegt draußen vor der Tür. Kannst du den holen?“

„Kuckuck! Ping! Kuckuck!“ Tante Klara nickte auf und ab und flog los. Flori hörte sie vor der Tür landen und kurz darauf erschien sie wieder mit dem Schlüssel im Schnabel. „Donnerwetter! Ping!“

„Das meine ich auch!“, rief Kapitän Seebär. „Du bist der tollste Papagei, den ich kenne. Jetzt aber raus hier. Schließ auf, Flori.“

Wieder an Deck stellten sie fest, dass Kapitän Olafson alle Sachen mitgenommen hatte.

„Wir müssen sie neu suchen“, rief Anna. „Ich hole die Setzlinge für uns.“

„Und ich suche Kokosnüsse“, erklärte Professor Klecks.

„Dann schicke ich Jacko wegen der Muscheln und hole Säckchen zum Verpacken“, ergänzte Kapitän Seebär.

Flori hatte inzwischen Tante Klara mit Erdnüssen gefüttert. Nun saß er an Deck und streichelte Missy, bis sie sich wieder ganz beruhigt hatte.

Bald darauf war alles erneut zusammengesucht. Sie teilten die Dinge genau auf und brachten sie an Bord der Aurora und der Seerose.

„Fahrt ihr voraus“, sagte Kapitän Seebär zu Anna und Adrian. „Ohne euch hätten wir die Goldhasel nie gefunden.“

„Nein, ihr“, wehrte Anna ab. „Ohne Jacko hätten wir noch immer keine Muscheln. Und ohne Tante Klara säßen wir noch unter Deck.“

„Fahren wir doch gemeinsam“, schlug Professor Klecks vor. „Soll doch der Leuchtturmwärter entscheiden. Hauptsache, wir kommen vor diesem Brüllaffen Kapitän Olafson an.“

„Recht hat er“, rief Adrian, „Leinen los und volle Fahrt voraus.“

Kapitän Seebär nahm Jacko an Bord, Missy legte sich schnurrend neben ihn, und beide Schiffe fuhren ab in Richtung Leuchtturminsel.

„Hat die Windsbraut einen großen Vorsprung?“, fragte Flori besorgt.

„Ich denke schon“, überlegte Professor Klecks.

„Ganz sicher“, bestätigte Kapitän Seebär. „Ich weiß nicht, ob wir sie überhaupt einholen können.“

„Und wenn nicht?“, fragte Professor Klecks.

25. Zurück beim Leuchtturm

Flori suchte währenddessen mit dem Fernrohr den Horizont ab, aber außer der Aurora war nichts und niemand zu sehen. Langsam wurde es dunkel.

Sie schliefen und steuerten wieder abwechselnd. Als die Sonne aufging, sahen sie die Aurora nicht weit entfernt fahren. Anna stand am Steuer und winkte ihnen zu.

„Die Windsbraut ist noch immer nicht zu sehen“, brummte Kapitän Seebär Stunden später. „Wahrscheinlich ist sie längst dort.“

„Und du meinst, Kapitän Olafson hat den Turm bekommen?“

„Das glaube ich nicht“, murmelte Flori. Er sah wieder durch das Fernrohr.

„Du glaubst nicht, dass er den Turm bekommen hat?“, fragte Professor Klecks.

„Ich glaube nicht, dass er schon dort ist“, sagte Flori.

„Aber er hatte einen großen Vorsprung und wird … Da ist sie!“, rief Kapitän Seebär aufgeregt.

„Die Windsbraut?“

„Nein, die Leuchtturminsel!“

Kurz darauf legte die Seerose gleichzeitig mit der Aurora an. Alle stiegen an Land, wo bereits der Leuchtturmwärter wartete.

„Wo ist denn der Dritte?“, fragte er verwundert.

„Ist er nicht hier?“ Anna sah sich erstaunt um. „Wir dachten, er wäre vor uns.“

„Nein, er ist weg!“, rief Flori. Tante Klara auf seiner Schulter nickte aufgeregt. „Donnerwetter! Weg! Ping!“

„Wieso weg? Meinst du, er hatte keine Lust mehr?“, fragte der Leuchtturmwärter. „Kommt erst mal rein und dann erzählt mir alles.“ Er ging voraus in den Turm.

„Ja, Flori, wieso weg?“, fragte Adrian.

Flori lachte. „Einfach weg. Er hat sich verirrt.“

„Unsinn, er ist ein erfahrender Kapitän, er verirrt sich nicht“, brummte Kapitän Seebär.

„Doch, tut er. Als er mich mit den Sachen auf sein Schiff geschickt hat, habe ich von der Goldhasel ein klebriges Blatt abgemacht.“

„Warum das?“, fragte Professor Klecks.

„Ich hatte noch den kleinen Magneten in der Tasche. Mit dem Blatt habe ich ihn unter dem Kompass der Windsbraut angeklebt und deshalb zeigt der jetzt falsch an.“

„Ha!“ Anna klatschte in die Hände. „Und nun fährt Kapitän Olafson durchs Gelbe Meer und sucht die Leuchtturminsel.“

„Bravo, das hat er verdient, Flori“, rief Professor Klecks und lachte. „Wärest du Tante Klara, würde ich dir jetzt eine Erdnuss geben.“

Auch Flori lachte. „Wäre ich Tante Klara, würde ich sagen: „Donnerwetter! Kuckuck! Ping!“ Er breitete die Arme aus und verbeugte sich.

Nun lachten alle. Zusammen gingen sie in den Leuchtturm.

Der Leuchtturmwärter bot ihnen Tee und Kekse an. Dann setzte er sich zu ihnen und räusperte sich.

„Also“, begann er. „Ich habe mir eure Schiffe angesehen. Ihr habt sicher beide eure Baupläne dabei“, hier nickten Anna und Kapitän Seebär eifrig, „aber ich kann mich einfach nicht entscheiden, wer von euch den Turm haben soll.“

„Gib ihr den Turm!“ „Gib ihm den Turm!“ Anna und Kapitän Seebär hatten gleichzeitig gesprochen.

„Was?“, fragte der Leuchtturmwärter. „Warum?“

„Sie hat ihn verdient. Sie hat uns geholfen“, erklärte Kapitän Seebär.

„Ohne ihn wären wir alle noch gar nicht hier“, warf Anna ein.

Und sie erzählten, was bei der Suche passiert war. Der Leuchtturmwärter hörte gespannt zu. Einmal schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief: „So ein Schurke!“ und einmal klopfte er Flori begeistert auf die Schulter.

„Was für ein Erlebnis!“, rief er schließlich. „Meine Tochter wird Augen machen, wenn ich ihr das erzähle.“ Er überlegte kurz, dann sagte er: „Wisst ihr was? Hier ist so viel Platz. Ich gebe den Leuchtturm euch beiden. Was meint ihr dazu?“

„Eine Superidee!“, rief Adrian und sprang auf. „Oder was meint ihr?“

Anna und Kapitän Seebär sahen sich an. Dann lächelten beide und nickten. „Ja, eine Superidee! Danke!“

„Also ist es abgemacht!“ Der Leuchtturmwärter stand auf und reichte beiden die Hand. „So, versprochen. Ab nächste Woche könnt ihr einziehen. Aber jetzt wird gefeiert!“

„Prima“, rief Kapitän Seebär. „Und morgen bringe ich Flori und den Professor nach Hause. Darf Jacko solange hier bleiben? Er schwimmt so gerne.“

„Klar, wir sind ja hier“, rief Adrian. „Und wir passen auf. Falls dieser Brüllaffe doch noch herfindet, jagen wir ihn davon.“

Der Leuchtturmwärter zündete ein Lagerfeuer an und holte sein Radio herbei. Sie aßen, tranken, lachten zusammen und erzählten noch Geschichten, als es längst dunkel war und die Sterne über ihnen leuchteten.

***

Am nächsten Morgen begann die Heimreise und ein paar Tage später setzte Kapitän Seebär Flori und Professor Klecks bei ihrem Haus ab. Missy stieg mit aus und schlich maunzend hinüber zu Frau Hasemantel.

Kapitän Seebär verabschiedete sich herzlich und Professor Klecks rief: „Fahr vorsichtig, Bruno, du weißt ja: Gartenzaun voraus!“

„Gute Fahrt und viele Grüße!“, rief Flori und Tante Klara schlug eifrig mit den Flügeln. „Kuckuck! Kuckuck! Donnerwetter! Ping!“

Sie winkten und schauten der Seerose nach, bis sie nicht mehr zu sehen war.

-> Ende des zweiten Abenteuers <-

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